Keren Ann: Elegante Melancholie

Keren Ann
Keren Ann hat ein sehr reifes Album voller Melancholie vorgelegt. Foto: Universal Music © DPA

Keren Ann (42) hat sich Zeit gelassen - und das aus gutem Grund. Nachdem sie 2011 ihr letztes Album "101" veröffentlicht hat, war sie eineinhalb Jahre auf Tour, hat Musik fürs Theater geschrieben, eine Oper komponiert und bei einem Film mitgearbeitet. Und dann ist sie 2012 Mutter geworden...

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Jetzt aber ist die Kosmopolitin - geboren in Israel, aufgewachsen in den Niederlanden und Frankreich, Pendlerin zwischen New York, Paris und Island - mit ihrem neuen Album "You're Gonna Get Love" aus der fünfjährigen "Pause" zurückgekehrt, die bei der Fülle der Projekte und durch den Familienzuwachs eigentlich keine war. Diesmal singt sie wieder auf Englisch.

An der Seite von Neo-Chanson-Ikone Benjamin Biolay hat Keren Ann einst ihre Karriere in Frankreich begonnen, aus seinem Schatten ist die Sängerin längst herausgetreten, die im Laufe der Jahre immer wieder durch ihre Wandelbarkeit überrascht.

Nouvelle Chanson? Das war einmal ein Label, mit dem eine neue Welle französischer Musik etikettiert wurde, die Chanson-Tradition mit Folk-Musik verband. So richtig dazu gehört hat Keren Ann nie, die schon bei ihrem Debüt "La biographie de Luka Philipsen" (2000) Trip-Hop hereinließ. Vorbilder wie Carole King oder Françoise Hardy sind zwar immer präsent, aber auch der Blues, Hip-Hop-Beats oder Velvet Underground sind ihr nicht fremd.

Das mit der Klassifizierung kann man sich also schenken - vielmehr geht es bei Keren Ann um Stimmungen, die häufig sehnsuchtsvoll oder verträumt sind und eine gewisse Schwerelosigkeit in sich tragen. "Mich interessiert die Schönheit, die der Melancholie und der Wehmut innewohnen", sagte Keren Ann dem "Cheek Magazine".

Besonders viel Gefühl kommt durch den vielfältigen Streicher-Einsatz im Verbund mit verhaltenen Bläsersätzen und leichtem Flötenspiel des London Metropolitan Orchestra zum Ausdruck. Dadurch strahlt die Melancholie auf "You're Gonna Get Love" eine ganz besondere Wärme aus: sehr elegant, sehr emotional und sehr intim.

Sie ist ein ganz unabhängiger Geist, diese Keren Ann, die ihr siebtes Soloalbum zum Teil durch Crowdfunding finanzierte und erst dann einen neuen Plattenvertrag unterzeichnete. Es ist eine ganz persönliches Album geworden auf dem sie - immer ein bisschen betrübt - über die vergangene Liebe, die unmögliche Liebe und den Tod, über Sehnsucht, Verlangen und Traurigkeit singt. Nicht zu schnell und nicht zu langsam.

Dazu passen Geigen - aber nicht nur. Immer wieder schwingt der Bass sich zum führenden Instrument auf wie im Opener "You're Gonna Get Love". Dieser schneidet sich regelrecht durch den Song, begleitet von immer wieder hereinschneienden Keyboardtupfern und spät einsteigenden Drums, die nach Pappe klingen.

Da gibt es viele überraschende Sounds, smarte Einfälle und Breaks auf dem Album, das von Renaud Letang produziert wurde, der bereits mit Feist, The Kills oder Charlotte Gainsbourg gearbeitet hat. Damit hat sich Keren Ann bewusst aus ihrem vertrauten Kosmos hinausgewagt und eine neue Frische gewonnen, bei dem sich der Blues problemlos an Singer-Songwriter-Nummern schmiegen kann. Und bei "Easy Money" kommt sogar Disco-Feeling auf.

"You're Gonna Get Love" ist auch ein Album des Abschieds, das unter dem Eindruck des Todes von Keren Anns Vater steht, der noch vor der Geburt ihres Kindes gestorben ist. In dem sehr anrührenden Video zu dem bluesigen Song "Where Did You Go?" hat sie sich sehr poetisch von ihm verabschiedet. Ihm hat sie auch "You're Gonna Get Love" gewidmet, "dem großartigsten Mann, den ich jemals gekannt habe".


dpa
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