Karlsbader Filmfestival: Von Glamour bis Zeltlager-Romantik

Karlsbader Filmfestival
Das Karlsbader Filmfestival hat eine ganz besondere Atmosphäre. Foto: Filip Singer © DPA

Es ist eines der ältesten unter den Top-Filmfestivals in Europa - und vielleicht das mit dem jüngsten Publikum. Vom 1. bis 9. Juli strömen wieder Zehntausende Cineasten in die tschechische Bäderstadt Karlsbad - die meisten mit Zelten, Schlafsäcken und Isomatten.

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Geradezu legendär ist die ungezwungene Atmosphäre des Karlovy Vary International Film Festival (KVIFF), die auch schon Hollywood-Größen wie John Travolta, Judie Dench und Bruce Willis in ihren Bann gezogen hat.

Seit 1946, also seit 70 Jahren, findet die unverwechselbare Filmschau statt. Fast ebenso lange wird der handgefertigte Kristallglobus als Hauptpreis vergeben. Im ersten Jahr musste sich Karlsbad die Ehre noch mit dem nahen Marienbad teilen, doch längst hat das Festivalbüro seinen angestammten Platz am Fluss Tepla im Hotel Thermal, einem sozialistischen Kleinod des 70er Jahre Charmes. Der Betonklotz befindet sich bis heute im Staatsbesitz.

Wer es ganz nobel will, nächtigt stilecht im Grandhotel Pupp, einem der Drehorte für den James-Bond-Film "Casino Royale" und Vorbild für das "Grand Budapest Hotel". Doch am authentischsten ist die Zeltstadt im Stadion der Leichtathleten vom "AC Start". Hier hat auch der tschechische Filmkritiker Kamil Fila seine Festivalkarriere begonnen. "Die Zeiten, in denen ich im Zelt, in der Turnhalle oder im Schlafsack auf der Treppe vor dem Vorführsaal geschlafen habe, sind dann doch vorbei", räumt der erfolgreiche Blogger und frühere Redakteur der Zeitschrift "Respekt" ein.

In einer Großstadt wie Berlin würde ein solches Event eher untergehen, meint Fila. "Anders ist das in Karlsbad, wo das Festival die ganze Kurstadt ergreift und zum Leben erweckt", sagt er. Besonders lobt er das warmherzige Publikum: "Keiner murrt oder pfeift, sondern es gibt immer langen Applaus." Selbst Altstars, die ihren Zenit längst überschritten hätten, würden hier noch einmal gefeiert. "So ganz verstehe ich nicht, wie das möglich ist, denn wir Tschechen sind eigentlich ewig unzufriedene Stänkerer und Spötter", wundert Fila sich.

Diesjähriger Eröffnungsfilm ist ein Weltkriegs-Thriller: "Operation Anthropoid" handelt von den Attentätern, die SS-Führer Reinhard Heydrich 1942 im besetzen Prag tödlich verletzten. Der britische Regisseur Sean Ellis drehte an Originalschauplätzen wie rund um die Cyrill-und-Method-Kirche, in der sich die Widerstandskämpfer versteckt hielten, ehe sie entdeckt und umgebracht wurden. "Es ist eine unglaubliche Geschichte des Muts und der Tapferkeit", kündigte Ellis an. Einen der Agenten spielt Frauenschwarm Jamie Dornan.

In sieben Jahrzehnten hat das Festival einigen Wandel erlebt. Nach der Gründung war es lange ein Aushängeschild des Sozialismus, ein "Festival des arbeitenden Volkes". Es wechselte sich im jährlichen Turnus mit dem Moskauer Filmfestival ab, was auch erklärt, warum das KVIFF in diesem Jahr erst das 51. Mal stattfindet. Ein Höhepunkt war dann 1990 das erste Festival nach der demokratischen Wende: Exil-Regisseur Milos Forman kam ungezwungen auf dem Fahrrad angefahren, und viele bis dato verbotene Filme wurden aus dem Giftschrank geholt.

Heute steht das KVIFF im Wettstreit mit den 14 anderen Filmfestivals mit internationalem Wettbewerb der sogenannten A-Klasse, von Cannes über Locarno bis Warschau. "Das Festival kämpft nun vor allem darum, eine ausreichende Zahl an exklusiven Premierenfilmen an Land zu ziehen", sagt Kritiker Fila. Dabei versteht sich das KVIFF insbesondere als Drehscheibe zum osteuropäischen Markt. Fila lobt das Engagement: "Ich kann mir kaum vorstellen, wie man auf diesem Gebiet noch mehr machen könnte."


dpa
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