'Julie & Julia': Meryl Streep als Koch-Domina

Ein Jahr lang will Julie Powell sämtliche 524 Rezepte von US-TV-Köchin Julia Child nachkochen

'Julie & Julia': Meryl Streep als Koch-Domina

Meryl Streep könnte vermutlich alles spielen - und jeden an die Wand. Manchmal tut sie das auch. In der Koch-Komödie 'Julie & Julia' ist das Opfer die sonst stets bezaubernde Amy Adams ("Verwünscht", "Nachts im Museum 2"). Denn die junge Schauspielerin zieht in diesem Koch- und Schauspielduell wie ihre Filmfigur die Kürzere.

Amy Adams spielt Julie Powell, eine frustrierte und schlecht frisierte Büroangestellte im Post-09/11-New York, die sich anlässlich ihres 30. Geburtstages schwört, endlich mal was fertig zu machen. Die verhinderte Schriftstellerin beschließt, unter die Blogger zu gehen - 2002 war das ja noch was Neues. Ein Jahr lang will sie sämtliche 524 Rezepte aus einem Kochbuchklassiker von Julia Child (mit Begeisterung verkörpert von Meryl Streep) nachkochen - übrigens eine wahre Geschichte, genauso wie die Vita der legendären US-TV-Köchin.

Wie es dazu kam, dass jene Julia Child in den 1950er Jahren trotz allerhand Unwägbarkeiten Co-Autorin des monströsen Bestsellers über die französische Küche und beliebte Fernseh-Kochfee wurde, zeigt Nora Ephron ("E-Mail für dich", "Schlaflos in Seattle") in einem zweiten Erzählstrang. Und das ist, man muss es leider sagen, der Teil des Films, der deutlich mehr Spaß macht als Julies grauer Alltag in Queens. Zu Amy Adams' Verteidigung muss man vorbringen, dass Meryl Streep es von Anfang an leichter hat, obwohl ihre Omi-Löckchen fast genau so schrecklich sind wie Amy Adams Hausmütterchen-Frisur.

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Ein unterhaltsamer Film über zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten

'Julie & Julia': Meryl Streep als Koch-Domina

Denn Meryl Streeps Julia ist eine schillernde Figur. Eine selbstherrliche US-Provinzlerin mit dem lauten Auftreten eines Bauerntrampels, die mit über 40 endlich dem Jungfrauendasein entsagt und Gattin eines Diplomaten (elegant: Stanley Tucci) wird. In Pariser Bistrots und im Farb- und Geruchsrausch der französischen Märkte entdeckt die gelangweilte Hausfrau ihre Vorliebe fürs Essen - und fürs Kochen. Nicht, dass die grobschlächtige und großgewachsene Frau ein Händchen dafür hätte - aber sie hat einen eisernen Willen und übt so lange Eier aufzuschlagen und Zwiebeln zu hacken, bis sie die männliche Konkurrenz abgehängt hat.

Auch wenn Julia Child, TV-Köchin und Autorin von "Mastering The Art Of French Cooking", hierzulande völlig unbekannt ist, ist es doch eine große Freude, Meryl Streep dabei zuzusehen, wie sie als Küchen-Domina den Kochlöffel schwingt und ein Huhn ausbeint. Dass sie Childs breiten Akzent, ihr grottiges Französisch ("Buff Burginjong"!) und ihr fahrig-tantiges Küchengehampel etwas zu sehr auf die Spitze treibt, ist nicht gravierend, weil man von Herzen über sie lachen kann.

Auch Amy Adams ist für ein paar Lacher gut. Die jedoch resultieren meist aus den selbstironischen Kommentaren in ihrem Blog und weniger aus der Situationskomik, wenn ihr die Sülze misslingt oder sie sich mit ihrem Ehemann (farblos: Chris Messina) zofft. Irgendwie wirkt ihre Julie so verbissen und verkrampft, dass man sie nicht richtig liebhaben kann. Und dann ist sie eben nur eine Kopistin, die sklavisch alles nachkocht, was Julia Child zu Papier gebracht hat, anstatt sich von ihrem Vorbild zu befreien und sich an eigenen Kreationen zu wagen. So bleibt sie immer der weibliche Biolek unter der Küchen-Bloggern.

Trotz dieses Ungleichgewichts und einem leichten Hänger in der Mitte der 524 nachgezauberten Gerichte ist Nora Ephron ein unterhaltsamer Film über zwei Frauen gelungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch viel miteinander gemein haben. Und auch wenn es der Regisseurin mit den beiden verbissenen Damen nicht wirklich gelingt, das sinnliche Moment der Küchenfreuden einzufangen, machen Julies & Julias französische Gourmandisen Appetit, selbst zum Schmortopf zu greifen. Also auf keinen Fall mit leerem Magen ins Kino gehen!

Von Mireilla Zirpins

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