'Jonas': Christian Ulmen als Schüler

4 von 5 Punkten

Wie soll ein Mittdreißiger glaubwürdig einen 18-jährigen Schüler spielen? Mit dieser zentralen Frage - die sich nicht allein um den optischen Faktor dreht - steht und fällt der neue Streifen von Reality-Komiker Christian Ulmen. ‚Jonas‘ ist ein spannendes Experiment, bei dem der Schauspieler seiner Lieblingsdisziplin frönt: Eine Rolle erschaffen und an der Realität erproben. Und wieder einmal beweist Ulmen eindrücklich, dass er der ungekrönte Meister dieser Disziplin ist.

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Gedreht wurde unter realen Bedingungen. An einer echten Schule mit echten Schülern und Lehrern. Ganz offen und ohne verstecke Kamera. Nur Jonas ist nicht echt. Er ist eine Kunstfigur, entwickelt und gespielt von Christian Ulmen. Der Erfolg des Films hing also einzig von Ulmens Fähigkeit ab, sich vollkommen vom System mitreißen zu lassen.

Jonas ist bereits zwei Mal sitzengeblieben. Die Paul-Dessau-Gesamtschule in Brandenburg gibt ihm eine letzte Chance, den Abschluss zu machen. Doch dazu muss er eine sechswöchige Probezeit bestehen, in der es zu beweisen gilt, dass er den Anforderungen gewachsen ist und die nötige Disziplin mitbringt. Was in dieser Zeit passiert, folgt keinem Drehbuch. Die Story wird vom Zufall geschrieben - von Gelegenheiten, die Jonas nutzt, und von den Chancen, die er verpasst. Ein Risiko, das den Film umso spannender macht.

Im Gegensatz zu ‚Mein neuer Freund‘ und ähnlichen, typischen Ulmen-Formaten, versucht er bei ‚Jonas‘ allerdings nicht, zu polarisieren und zu schocken. Im Gegenteil: Sein Ziel ist es, ein Teil der Schülerschaft zu werden, in ihr aufzugehen, Freunde zu finden. Dabei verschmilzt er so sehr mit seiner Rolle, dass seine Mitschüler und auch die Zuschauer zwischenzeitlich fast vergessen, dass da kein echter Schüler an der Tafel steht und Logarithmen berechnet. Method-Acting in Reinkultur.

Als Jonas durchlebt Ulmen noch einmal seinen ganz persönlichen Horror – und holt die Zuschauer dabei von der ersten Minute an ab. Sie fühlen mit, wenn er sich im Matheunterricht vor der Klasse blamiert, sie schmunzeln, wenn er sich ohne großen Erfolg beim Sportunterricht abrackert oder seine Musiklehrerin anschmachtet. Und die Erinnerung an die Schulzeit ist auch der gemeinsame Nenner, der einen mitnimmt und fesselt.

Während der kurzweiligen 110 Kinominuten entwickelt sich - abgesehen von der einen oder anderen inhaltlichen Flaute - eine beachtliche Dramaturgie und danach stellt der Kinogänger zufrieden fest: Ja, es geht! Ein Mittdreißiger kann tatsächlich glaubwürdig einen 18-jährigen Schüler spielen. Chapeau, Christian!

Von Christina Rings

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