Jim Kroft: Eine Songwriter-Reise mit Folgen

Jim Kroft
Jim Krofts "Journeys #3" ist eine Art Singer-Songwriter-Soundtrack zu der humanitären Katastrophe namens "Flüchtlingskrise". Foto: Bastian Fischer © DPA

Manchmal ist der Anlass für ein Album wichtiger als die Musik. Jüngstes Beispiel: die neue Platte von Jim Kroft. Ihm ergeht es wie anderen politisch engagierten Musikern - sein kompetenter Folkrock tritt hinter ein großes Anliegen zurück.

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Denn "Journeys #3" (Field Recordings/Believe) ist eine Art Singer-Songwriter-Soundtrack zu der humanitären Katastrophe namens "Flüchtlingskrise" - und zu ihrer besonders traurigen Ausprägung auf Lesbos. Der in Berlin lebende britische Sänger, Dokumentarfilmer und Fotograf Kroft verarbeitet hier einen mehrwöchigen Aufenthalt auf der griechischen Insel und im riesigen heruntergekommenen Flüchtlingslager Idomeni.

Die elf musikalisch von Bob Dylan, Billy Bragg oder Bruce Springsteen inspirierten Lieder einer neunköpfigen Band sind ein Aufschrei gegen das erlebte Elend - und zugleich erfüllt von der Hoffnung auf Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft. Um Zuhörer für mehr eigenes Engagement zu gewinnen, wird das Album von bewegenden Foto- und Videoaufnahmen und einer Crowdfunding-Kampagne zugunsten der Flüchtlingshelfer auf Lesbos begleitet.

Nach zwei musikalischen Reisen durch China ("Journeys #1") und Ostafrika ("Journeys #2") fand Kroft - bürgerlich: Jamie Croft (37) aus Brechin in Schottland - Anfang dieses Jahres angesichts der dramatischen Fernsehbilder zu seiner neuen Idee: Lieder zur Flüchtlingskrise schreiben, fotografieren und filmen. "The only way we could find out was by going", schreibt der in Berlin gut vernetzte Musiker auf seiner eindrucksvollen Webseite.

Also hingehen und alles selbst erleben. Die Reise durch das kriselnde Griechenland und mit Flüchtlingen über den Balkan war für Kroft "a life changing experience". Es fügte dem "Journeys"-Projekt die Menschenrechte als großes Thema hinzu. Die Songs entstanden oft unter schwierigen Umständen, eingeengt in Krofts gelbem Bus. Das Album wurde schließlich innerhalb von zwei Tagen aufgenommen, alle Musiker, Produzenten, Soundingenieure und Studiohelfer arbeiteten kostenlos.

Mit einem erschütternden Lied über das Flüchtlingsmädchen Sara beginnt nun die Platte, mit dem gospeligen, Hoffnung spendenden "Try To Reach The World" geht sie zu Ende. Kroft kleidet Trauer, Empörung und Appelle in konventionelle Songstrukturen - Gitarren, Klavier, Schlagzeug. Der Schotte ist ein mehr als solider Sänger, aber wie schon angedeutet: Das Rad wird hier nicht neu erfunden.

Doch gerade weil diese Songwriter-Platte musikalisch so "normal" und gut zugänglich daherkommt, könnte sie für ihr ungewöhnliches, wichtiges Thema ein breiteres Publikum finden. Jim Kroft erinnert in Zeiten nachlassender "Willkommenskultur" auch in Deutschland mit schönen Liedern daran, wie hässlich die Gegenwart Europas ist. Und dass jeder auf seine Weise etwas tun kann, um sie zu verändern.

Tourdaten: 11.08. Hamburg, Kukuun; 12.08. Köln, Artheater; 13.08. Berlin; Baumhaus Bar


dpa
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