James Morrison im Interview: "Der Dämon verfolgte mich lange"

Rebekka Kaiser interviewt James Morrison.
VIP.de-Redakteurin Rebekka Kaiser im Gespräch mit James Morrison.

Von Rebekka Kaiser

Durch die herrschaftliche Einfahrt zum Grandhotel Bergisch Gladbach rauschen mehrere schwarze Wagen. Aus einem davon steigt James Morrison, der mit seiner Gitarre bepackt, geradewegs zur Rezeption schlendert, um einzuchecken. Als ich wenig später neben ihm auf einem nostalgisch verzierten Sofa Platz nehme, erlebe ich die nächsten 30 Minuten keinen entrückten Popstar, sondern einen authentischen Musiker, der mit seinem Leben bisweilen gehadert und daraus Songs gestrickt hat.

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James Morrison schlug sich mit allerlei Gelegenheitsjobs im kaffigen Porth bei Newquay herum, bevor er in den Nullerjahren seinen großen Durchbruch erlebte. Die Ballade 'You Give Me Something' ließ ihn mit Anfang zwanzig quasi über Nacht zum Star werden. Inzwischen hat der 31-jährige Brite längst bewiesen, dass er mit seiner rauen Stimme nicht nur sanfte Liebeslieder singen kann. Auf seinem neuen Album 'Higher Than Here' klingt er dunkler, aggressiver und melancholischer. „Ich wollte weniger 'süß' und 'schwächlich' klingen. Ich wollte meine andere Seite zeigen, die mit Problemen kämpfte und schlechte Zeiten erlebt hat“, stellt er klar. Die persönliche Entwicklung erfolgte im Gleichschritt mit seiner musikalischen, die er für dringend notwendig hielt: „Die Menschen brachten mich nur noch mit 'You Give Me Something' in Verbindung, das hat mich genervt“.

Der Brite ist in zerrissenen Familienverhältnissen aufgewachsen: Sein alkoholkranker Vater verließ die von Geldproblemen geplagte Familie früh. „Ich hatte als zweites von drei Kindern die beschissenste Rolle in meiner Familie“, erinnert er sich mit einem kratzigen Lachen zurück. „Mein kleiner Bruder war der jüngste, er ist immer mit allem davongekommen. Meine Schwester war älter und konnte tun, was sie wollte. Ich musste geerdet sein, oft zu Hause bleiben und mitanpacken“, erklärt Morrison.

Die erste Singleauskopplung 'Demons' handelt von dem Umgang mit einer krisenhaften Vergangenheit, wie Morrison sie hat. „Ich bin in einer negativen Umgebung aufgewachsen, in der ich mich oft ziemlich unzulänglich und unbedeutend gefühlt habe. Meine Eltern haben mit vielen Problemen gekämpft, als ich groß wurde: Depressionen, Alkoholismus und Freunden, die drogensüchtig waren“, sagt Morrison. Der Sänger weiß, dass die Vergangenheit ein dunkler Begleiter sein kann, der immer wieder seine Arme ausbreitet. Schließlich litt er aufgrund seines familiären Backgrounds lange Zeit unter Komplexen: „Einer meiner größten Dämonen ist die Angst, dass ich auf die falsche Spur geraten könnte und dass ich so werde, wie meine Eltern es waren. Das ist für mich ein sehr großes Thema. Ich war an einem schlechten Ort und ich dachte, ich gehe jetzt auch diesen schrecklichen Weg entlang, an dem alles verkackt ist und du keinem trauen kannst“. Der Dämon regierte in sein Alltagsleben hinein und lähmte ihn. „Der Dämon war mit allem Negativen verknüpft, vor allem mit meinem alkoholkranken Vater: Er hat immer gesagt, dass das die Dämonen seien“.

James Morrison: „Ich wollte für eine ganze Weile meines Lebens jemand anderes sein".

James Morrison spricht über neues Album 'Higher Than Here'.
James Morrisons neues Album 'Higher Than Here' ist seit dem 30.10.2015 erhältlich.

Es wäre jetzt einfach, 'Demons' als eine leidige Ode ans Leben abzukanzeln, aber aus dem Song klingt auch eine optimistische Botschaft heraus: Nämlich die Dämonen und damit sich zu akzeptieren. „Ich habe gelernt, das Positive im Negativen zu entdecken. Das hilft mir, stärker zu sein“, betont Morrison. Einen großen Anteil daran hat Tochter Elsie. „Ich wollte für eine ganze Weile meines Lebens jemand anderes sein. In den letzten Jahren, seit ich Vater bin, habe ich es erst wirklich genießen können, ich selbst zu sein.“

Seine Ehefrau Gill ist eine wichtige Konstante in seinem Leben. Beide sind seit ihrem 17. Lebensjahr ein Paar: „Sie ist mit mir gemeinsam durch alle Dinge gegangen, die mir widerfahren sind. Sie war dabei, als ich von einem Niemand zum Star wurde“, sagt Morrison, der zugibt, dass es nicht immer einfach mit ihm sei. „Es ist manchmal sehr schwierig gewesen, aber wir können unsere Probleme lösen. Ich bin mir bewusst, immer brutal ehrlich zu sein, wenn etwas nicht stimmt.“

Die musikalische Pause hat er sich vor allem genommen, um viel Zeit seiner Tochter verbringen zu können. Ihr Aufwachsen wollte James auf keinen Fall versäumen - denn es fasziniert ihn: „Ich musste sehr schnell erwachsen werden. Ich nahm daher nicht alles auf diese unschuldige Weise wahr, wie Kinder das üblicherweise tun. Deshalb genieße ich sehr, zu beobachten, dass sie so unschuldig ist. Und das erinnert mich immer wieder daran, mich nicht so erwachsen zu verhalten.“ Den Song 'Just Like A Child' hat er seiner Tochter gewidmet, der er wünscht, dass sie nicht so schnell erwachsen wird.

Seine Frau und er hätten gerne noch mehr Kinder: „Drei weitere Kinder wären toll, aber meine Ehefrau leidet unter Nierenproblemen, sodass wir noch nicht wissen, ob das klappt. Also ich weiß noch nicht, ob wir noch mehr Kinder haben können, aber wir versuchen es. Wir waren zu Hause auch zu dritt“, sagt Morrison. Vergangenheit und Gegenwart gehen bei James Morrison ineinander über - nicht nur auf seiner Platte.

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