James Francos schaurige '127 Hours'

Punkte: 5 von 5

Wie kann ein Actionfilm funktionieren, wenn der Held des Films sich nur wenige Handbreit bewegen kann und sich der eigentliche Horror in seinem Kopf abspielt? Kult-Regisseur Danny Boyle (‚Trainspotting’, ‚Slumdog Millionaire’) schafft das Kunststück mit Bravour und zeigt, zu was der Mensch fähig ist, wenn er um das pure Überleben kämpfen muss. Dafür quetscht er seinen Hauptdarsteller James Franco (‚Milk’) in die klaustrophobische Enge eines Canyons am Ende der Welt und lässt ihn in seiner Rolle als Hobby-Bergsteiger grausam-lange 127 Stunden leiden – und zwar so sehr, dass Franco für seine beeindruckende Leistung völlig zu Recht für den Oscar nominiert wurde.

Der Film erzählt die wahre Geschichte eines Horror-Trips, den der wagemutige und zuweilen leichtsinnige Bergsteiger Aron Ralston vor einigen Jahren in seinem Buch ‚Im Canyon’ verarbeitet hat. In diesem lebensgefährlichen Abenteuer muss Ralston (James Franco) 127 Stunden ertragen, nachdem ihm ein abstürzender Felsbrocken auf den Arm rollt und eine kleine, abgelegene Schlucht in Utah für ihn zur Falle wird. Gefangen in dieser aussichtslos scheinenden Situation erinnert er sich an Freunde, Geliebte (Clémence Poésy), Familie und die beiden Frauen, gespielt von Amber Tamblyn und Kate Mara, die wie er in der unwirtlichen Landschaft wanderten und die er kurz vor dem Unfall getroffen hatte. Während der nächsten fünf Tage kämpft Ralston mit den Elementen und seinen eigenen Dämonen, um schließlich eine folgenschwere Entscheidung zu treffen…

'127 Hours' - Der offizielle Kinotrailer
'127 Hours' - Der offizielle Kinotrailer Aron Ralstons unglaubliche Geschichte 00:01:49
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Wem die Geschichte von Ralstons Überleben in jenen grauenvollen 127 Stunden in der Wildnis bekannt ist - sein Arm gefangen unter einem unbeweglichen Felsblock, ausgerüstet mit knapper Verpflegung und wenigen Tropfen Wasser - fragt sich: Wie schafft er es, den Willen zu entwickeln, in so einer verzweifelten Situation durchzuhalten? Dem Regisseur gelingt das Kunststück, Ralstons Triumph seines eigenen Glaubens über die drohende Verzweiflung glaubhaft in packende Bilder umzusetzen. Ralston sitzt zwar in der Falle und ist physisch ganz alleine, doch spirituell umringt von allen, die er jemals kannte, liebte oder von denen er je geträumt hatte. Diese Erinnerung hält ihn ihm die Verbindung zum Leben aufrecht und verhindert, dass er aufgibt.

Die Gratwanderung zwischen totaler Verzweiflung und dem Willen, um jeden Preis zu überleben, die Ralston fast den Verstand raubt, spielt Franco so intensiv, dass man glaubt, man wäre zusammen mit ihm in dem Canyonspalt gefangen. Die bedrückende Atmosphäre der aussichtlosen Situation, in der sich der eigentlich so coole Ralston befindet, verlangt dem Zuschauer einiges ab und erreicht seinen gnadenlosen Höhepunkt, wenn Ralston eine sehr blutige Entscheidung treffen muss. Der Kinogänger darf aber beruhigt sein: Eine grausame Splatter-Orgie a la ‚Saw’ wird er nicht zu sehen bekommen. Trotzdem werden die Sehnerven des Zuschauers alles andere als geschont, soviel sei verraten.

Boyle hat mit seinem für sechs Oscars nominierten Streifen ein filmisches Erlebnis geschaffen, das wieder einmal zeigt, wie facettenreich dieser Regisseur ist. Keiner seiner Filme gleicht dem anderen, und doch tragen alle eindeutig die Handschrift ihres Schöpfers. Die für Boyle so typischen schnellen Schnitte und der teilweise röhrend-donnernde Soundtrack untermalen das Grauen, das Ralston erlebt, gnadenlos und unerbittlich. Vor allem die Erinnerungen, Selbstgespräche und Halluzinationen Ralstons treiben die Nerven strapazierende Dynamik der Handlung immer weiter voran, so dass der Film ganz ohne dramaturgische Hänger auskommt.

Keine Frage: Franco steuert mit seiner beeindruckenden und genialen One-Man-Show wahrscheinlich auf den Höhepunkt seiner Karriere zu. Die Oscar-Nominierung war damit absolut naheliegend. Schade, dass nicht auch Boyle für den Regie-Oscar nominiert wurde – es wäre verdient gewesen. Ein Film, der einen noch lange beschäftigt und den man daher nicht verpassen sollte.

Von Norbert Dickten

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