James Bond 007 'Skyfall' - Filmkritik

Homo-Erotik: Bond (Daniel Craig) und der Bösewicht (Javier Bardem)
Homo-Erotik: Bond (Daniel Craig) und der Bösewicht (Javier Bardem)

5 von 5 Punkten

Wer auf freizügige Bettszenen und lustige Gadgets hofft, könnte leicht enttäuscht sein. Denn Daniel Craig hüpft bei seinem dritten Einsatz als Doppelnullagent eher halbherzig durch die Betten, und der neue Q versteht bei seinen Spielzeugen keinen Spaß. Regisseur Sam Mendes ('American Beauty') geht in seiner Demontage eines Heldenmythos ähnlich vor wie Christopher Nolan bei der Batman-Reihe: Der Held wird verwundbar, weil der Bösewicht ihn an seinem inneren Komplex angreift: der Familiengeschichte, dem Grundstein für alle Emotionen. Dass es hier düster und tiefenpsychologisch wird, nimmt der Vorspann mit den Rohrschach-Motiven zu Adeles aufwühlendem Titelsong schon vorweg.

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Was ist aus dem gut aussehenden und scheinbar unverwüstlichen Frauenverschleißer nur geworden? Auf den ersten Blick wirkt er wie immer, fährt bei seinem Auftakteinsatz mit einem Motorrad über die Dächer Istanbuls und springt von einem Bagger in einen fahrenden Zug, doch dann gibt ausgerechnet seine Chefin M (Judi Dench) ihren 007 als Kanonenfutter frei. Eine attraktive Kollegin vom MI 6 (Naomie Harris) erschießt nicht den Bösewicht, sondern Bond selbst. So glaubt man wenigstens in London und richtet in aller Stille eine Beisetzung aus. Doch Bond überlebt schwer verwundet und kehrt stoppelbärtig zurück. Und der britische Geheimdienst kann gerade dringend Männer wie ihn gebrauchen.

Ein Unbekannter hat Ms Festplatte gestohlen und droht mit der Enttarnung aller Undercover-Mitarbeiter. Ein Brandanschlag auf die Kommandozentrale tötet zahlreiche Kollegen. Und mit Mallory (Ralph Fiennes) scheint M ein richtiger Sesselfurzer vor die Nase gesetzt zu werden. Doch Bond ist ein gezeichneter Mann. Zu viele geschüttelte, nicht gerührte Drinks haben ihn zum Alkoholiker werden lassen, beim Wiedereinstellungstest zittert seine Hand. Und den Fitnesstest besteht er auch nicht mehr. Nur M hat er es zu verdanken, dass er trotzdem wieder als Spion anheuern darf. Aber ist er seinem neuen Gegner wirklich gewachsen?

Dieser Silva nämlich wird von Javier Bardem - der als Fiesling in ‚No Country For Old Men‘ so beängstigend spielte, dass man an ihm als Bond-Bösewicht nicht vorbeikam - derart süffisant und diabolisch gespielt, dass es eine Freude ist. Mit blondiertem Schopf und gebleichten Augenbrauen fummelt er so aufreizend an Bond herum, dass es an Erotik glatt sämtliche Szenen mit den Bondgirls übertrifft: ‚Es gibt immer ein erstes Mal‘, sagt Silva und streicht zwischen Bonds geöffneten Schenkeln entlang. ‚Was lässt Sie glauben, dass das mein erstes Mal ist?‘, fragt Bond schlagfertig zurück und unterstreicht damit einmal mehr den schönen Wortwitz alter Bondschule, der sein 23. Abenteuer durchgängig begleitet.

'Skyfall': So düster wird der neue Bond
'Skyfall': So düster wird der neue Bond Hier den ersten Trailer anschauen 00:01:12
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Gesunde Mischung aus Innovation und Tradition

Nerdiger Tüftler: Q (Ben Whishaw)
Nerdiger Tüftler: Q (Ben Whishaw)

Überhaupt setzt Mendes auf eine gesunde Mischung aus modernem Thriller und Retrospektive. Hübsche Re¬ferenzen an die guten alten Zeiten werden kontrastiert mit charmanten Änderungen. So ist der neue Q (Ben Whishaw aus 'Das Parfum') kein onkelhafter Bastler von Jungsspielzeugen, sondern ein Strickjacken-Computernerd mit Designerbrille, der den altmodischen 007 zunächst schwer enttäuscht: 'Weihnachten habe ich mir anders vorgestellt', mault er, als Q ihn mit nichts als einer personalisierten Knarre und einem Sensor ausstattet. 'Was hatten Sie denn erwartet? Einen explodierenden Stift? So was machen wir heutzutage nicht mehr', kontert der Youngster.

Das alles schaut sich leicht und amüsant an, bis es im Finale für Bond ans Eingemachte geht. Er will Silva eine Falle stellen, lockt ihn auf seinen Landsitz 'Skyfall', wo Bond glückliche Kindertage verlebte, bis er beide Eltern verlor. Doch ist es nicht viel mehr eine Falle für 007 selbst, der droht, sich in lange unterdrückten Gefühlen zu verzetteln? Wer nicht damit umgehen kann, dass Bond sogar weint und einem schlagartig bewusst wird, dass M immer schon für 'Mother' stand, für den ist 'Skyfall' vielleicht nichts. Alle anderen werden mit dem besten 007-Abenteuer seit langem belohnt. 'Skyfall' punktet nicht nur durch die großartig komponierten Bilder von Roger Deakins, sondern hat so viel Humor und Action, dass es die düsteren und besinnlicheren Momente genauso gut wegsteckt wie Nolans Batman-Filme.

Von Mireilla Zirpins

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