'Jackie': Natalie Portman zeigt eine wenig zugängliche Jackie Kennedy

Ambitioniertes 'Jackie'-Biopic mit Natalie Portman - Filmkritik

Natalie Portman wird mit Haut und (Kunst-) Haar zu Jackie Kennedy. Pablo Larraíns Drama 'Jackie' kommt zwar in farbenfrohem Retro-Look daher, ist aber keinesfalls ein typisch gefälliges Hollywood-Biopic.

3 von 5 Sternen

Von Mireilla Zirpins

Es haben sich schon viele Regisseure und ihre Hauptdarsteller an Biopics über berühmte Persönlichkeiten ihre Finger verbrannt – so zum Beispiel Nicole Kidman, aus der in Olivier Dahans 'Grace of Monaco' einfach keine akzeptable Grace Kelly werden wollte und Naomi Watts, deren mangelnde Ähnlichkeit mit Lady Di noch das geringste Problem des misslungenen Dramas 'Diana' von Oliver Hirschbiegel war. 

Nun also schlüpft im ersten US-Film des chilenischen Regisseur Pablo Larraín Natalie Portman in die Chanel-Kostümchen im Stile Jackie Kennedys, die deutlich authentischer wirken als ihre stets als Perücke erkennbare Haarpracht. Die Ähnlichkeit ist nicht groß, aber Natalie Portman hat sichtlich daran gearbeitet, sich den charakteristischen Singsang der Präsidentengattin anzueignen. Genau diese Sprache hält uns jedoch stets ein bisschen auf Distanz.

Aber vielleicht soll das auch genau so sein, denn schließlich gibt die Jackie Kennedy im Film deutlich zu verstehen, dass sie keine von uns ist, dass sie zu den oberen Zehntausend gehört. Auch wenn sie in der fiktiven Rahmenhandlung des Films, einem Interview mit einem etwas unkritischen Schreiberling (Billy Crudup), irgendwann vor sich hin seufzt: "Vielleicht wäre ich doch besser Verkäuferin geworden." Nein, das kaufen wir ihr keinen Moment lang ab, auch wenn der Film sie in ihren vielleicht schwersten Stunden zeigen will, in den Stunden nach den tödlichen Schüssen auf ihren Gatten John F. Kennedy. Schonungslos werden wir immer wieder Zeuge, wie John F. Kennedy im Auto leblos auf dem Schoß seiner Gattin zusammensackt, wie sein Blut und sein Hirn auf ihr rosa Kostüm spritzen.

Während der Zuschauer sich noch von diesem Anblick erholen muss, wirkt die Jackie Kennedy im Film deutlich gefasster. Bewusst trägt sie das blutbesudelte Outfit weiter, denn sie weiß, dass sie damit ein Ausrufezeichen setzt auf jedem der vielen Bilder, die in den nächsten Stunden von ihr geschossen werden. Als beherrschten Kontrollfreak, als 'Little Miss Perfect' legt Natalie Portman ihre Mrs. Kennedy an. Die wahre Jackie Bouvier, die sie war, bevor sie den einflussreichsten Mann der USA ehelichte, scheint sie eher in sich verborgen zu haben.

Erst ganz langsam häutet sich Jackie aus der harten Schale der Präsidentengattin, doch es könnte manchem Zuschauer immer noch zu wenig sein, was er von ihr erfährt. Larraín und Portman zeigen uns eine Jackie, die einen großen Kontrollverlust erlebt, die bitter erfahren muss, wie vergänglich Macht ist, als noch in Dallas der Nachfolger ihres Mannes vereidigt ist. Auf einmal gibt es eine neue First Lady, für die Jackie und ihre Kinder das Weiße Haus räumen müssen, das sie gerade mit so viel Hingabe restauriert hatte. So versucht sie wenigstens, die Macht über ihre eigenen Bilder zu bewahren, sich nicht von den Polit- und PR-Beratern vorschreiben zu lassen, wie sie ihre Trauer in Szene setzt.

Larraín macht es dem Zuschauer nicht einfach, indem er sich auf eine Momentaufnahme konzentriert, auf die Zeit zwischen dem Attentat und der Beerdigung John F. Kennedys. Natalie Portman legt ihre Jackie spröde an, sie wirbt nicht um Mitleid für ihre Figur. Das Ganze wird von einem schrillen Soundtrack begleitet, der ganz schön an den Nerven zerren kann. Der schonungslose Ansatz macht Jackie wesentlich interessanter als klassisch konstruierte Biopics zu anderen Personen der Zeitgeschichte, nicht jedoch zugänglicher. Wer an einem Sittengemälde mit einigen Schwächen Interesse findet, wird mit einer eifrig spielenden Natalie Portman belohnt, für ein Mainstreampublikum könnte 'Jackie' jedoch zu sperrig sein.

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