Interview mit der Autorin

Ihr aktuelles Buch „Nur der Tod kann dich retten” erzählt die Geschichte eines Serienmörders, einige Teile des Buchs sind als eine Art „Tagebuch des Mörders“ geschrieben. Ist es nicht schwer, sich in die Gedanken eines Serienmörders hineinzuversetzen?

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Zuerst einmal weiß ich, im Gegensatz zum Leser, ja, wer der Mörder ist, das macht es schon einmal leichter. Und dann frage ich mich: Wie würde ich mich an seiner Stelle fühlen, wie würde ich über dies und jenes denken. Auf diese Weise fülle ich die Figur mit Leben. Manchmal fließen aber auch persönliche Züge von mir selbst in die Figuren ein, etwa, was ich über bestimmte Dinge denke.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

In „Nur der Tod kann dich retten“ ist es etwa die Unterscheidung zwischen Schock und Thrill, über die der Mörder spricht. Das entspricht auch dem, was ich denke. Außerdem haben Serienkiller meist eine ganz bestimmte Persönlichkeit. Sie sind selbstbezogen, sind das Zentrum ihrer Welt und sehen sich selbst als Opfer. Ich versuche, mich in diese Perspektive hineinzuversetzen. In Wahrheit ist das gar nicht so schwer (lacht).

Haben Sie denn schon einmal mit einem Serienmörder gesprochen?

Nein, also zumindest weiß ich es von keinem. Ich glaube in der Tat, dass Serienkiller wie beispielsweise der Mörder in „Nur der Tod kann dich retten“ keine besonders interessanten Persönlichkeiten sind. Erst ihre Verbrechen machen sie interessant.

Seit vielen Jahren erfinden Sie Geschichten über furchtbare Verbrechen, Serienkiller und Psychopathen. Hat das keinen Einfluss auf ihr Menschenbild?

Nein, eigentlich nicht. Ich bin überzeugt, dass die meisten Menschen grundlegend gut sind. Aber über gute Menschen zu schreiben, wäre einfach langweilig! Außerdem versuche ich, mit meinen Büchern auch etwas über die Gesellschaft zu sagen. Klar, auf den ersten Blick scheinen meine Bücher vor allem Schockgeschichten. Aber sie sind mehr.

Was sagen Ihre Romane über die Gesellschaft aus?

Sie erzählen einfach vom Umgang der Menschen miteinander und wie wir in unserer Gesellschaft von klein auf auf Konformität getrimmt werden. Menschen, die nicht diesem Bild entsprechen, werden von den anderen schlecht behandelt. Das ist schon unter Teenagern so. Oder das gesellschaftliche Schönheitsideal: Ich denke, dass Frauen heutzutage gedrängt werden, zu glauben, es gäbe nur ein akzeptables Maß, nach dem sie sich richten sollten. Und das heißt groß und dünn sein, große Lippen und große Brüste haben. Dabei ist das ein Ideal, das man nicht erreichen kann. Und in meinen Augen auch eine Strategie, Frauen in ihre Schranken zu verweisen. Sie sprechen ein weibliches Problem an.

Auch Ihre Bücher sind meistens aus einer weiblichen Perspektive geschrieben.

Oft, aber nicht immer. In „Nur der Tod kann dich retten“ ist zum Beispiel der eigentliche Held, Sheriff John Weber, ein männlicher – und wie ich finde – sehr sympathischer Charakter. Aber Sie haben Recht, es interessiert mich vor allem, aus der weiblichen Perspektive zu schreiben und über Frauen zu schreiben.

Warum?

Weil ich Frauen mag (lacht). Ich denke, sie sind interessant und auch komplizierter als Männer. In der Belletristik sind sie außerdem unterrepräsentiert. Es gibt nun mal mehr männliche Autoren, die haben natürlich eine männliche Perspektive. Und oft auch keine Ahnung von Frauen, deswegen sind ihre weiblichen Figuren immer gleich.

Wie meinen Sie das?

Ich denke, es gibt wenig glaubwürdige weibliche Figuren in der Belletristik. Die Frauen sind immer schön, perfekt. Ich will über die Frauen schreiben, die ich kenne, weil ich glaube, dass viele Frauen so sind: clever, witzig, kompliziert, neurotisch, verwirrt, ärgerlich … – Frauen sind all das! Und ich will, dass Frauen sich in meinen Büchern wieder erkennen.

Reagieren ihre männlichen und weiblichen Leser denn auch unterschiedlich auf ihre Bücher?

Ganz sicher. Ich denke, jeder Leser liest meine Bücher individuell. Das hat nicht nur etwas mit dem Geschlecht zu tun, sondern ist auch vom Alter und vor allem von den persönlichen Erfahrungen abhängig. Manche Leser sehen in meinen Büchern Thriller, andere sagen, es seien Bücher, die etwas über die Gesellschaft aussagen.

Haben Sie nie Angst, dass Ihnen nach so vielen Geschichten irgendwann einmal die Ideen ausgehen?

Na ja, manchmal habe ich schon Angst und denke: Oh Gott, ich werde keine Ideen mehr haben. Aber bisher ist das nicht passiert. Ich vertraue einfach meiner Fantasie. Ich habe all diese Bücher geschrieben, ich hatte ja all diese Ideen. Und ich hoffe, dass ich auch in Zukunft Ideen haben werde.

Ihre erste Geschichte haben Sie bereits im Alter von acht Jahren geschrieben.

Ja, aber sie wurde nicht veröffentlicht. Ich hatte sie an eine Zeitschrift geschickt, aber sie haben sie abgelehnt. Und mit zwölf Jahren habe ich ein Fernsehdrehbuch geschrieben. Ich habe es immer geliebt, zu schreiben. Es gibt sicher viele Kinder und Jugendlichen, die gerne schreiben. Die meisten schicken ihre Geschichten aber wahrscheinlich nicht ein.

Wovon handelten ihre ersten Geschichten?

Das Fernsehdrehbuch, das ich mit zwölf Jahren geschrieben habe, war über ein Mädchen, das ihre Eltern umbringt.

Und was haben Ihre Eltern dazu gesagt? Wussten sie davon?

Sie waren ziemlich nervös (lacht). Meine Mutter hat mir später erzählt, dass sie manchmal abends im Bett lag und zu meinem Vater sagte: „Was glaubst du, worüber denkt sie wohl gerade nach?“

Woher kommt es, dass Sie schon so früh von gruseligen Geschichten fasziniert waren?

Ich denke, das sind einfach die interessanten Geschichten. Ich habe mich auch immer selbst gerne gegruselt, sehe auch gerne Horrorfilme. Im wahren Leben will ich natürlich keine Angst haben müssen, aber ich genieße den Luxus, mich zu fürchten und gleichzeitig zu wissen, dass es mir gut geht.

In diesem Sommer haben Sie an der Universität in Toronto einen Kurs „How to write a Bestseller“ für Studenten gegeben. Wie schreibt man einen Bestseller?

Ja, ich habe das zum ersten Mal gemacht und es war eine spannende Erfahrung für mich. Ich war ganz sicher ganz anders als die meisten Lehrer, die dort normalerweise unterrichten. In Wirklichkeit weiß natürlich niemand, wie man einen Bestseller schreibt, niemand kennt das Geheimrezept. Deswegen habe ich den Schülern erklärt, sie sollten einfach über das schreiben, was ihnen wichtig ist. Ansonsten konnte ich ihnen etwas über Dramaturgie, über die Strukturierung von Geschichten erzählen. Und darüber, wie man seinen eigenen Stil findet. Es war auf jeden Fall eine interessante Erfahrung, wahrscheinlich werde ich es im nächsten Jahr wieder machen.

Für ein paar Jahre wollten Sie lieber Schauspielerin statt Schriftstellerin werden.

Ja, ich habe für ein paar Jahre in Los Angeles gelebt und in einigen Produktionen mitgewirkt.

Stimmt es, dass sie in einer Filmrolle Elvis Presley geküsst haben?

Oh, nein, das ist eine Verwechslung. Ich habe Elvis geküsst, aber das war nicht beruflich, sondern privat.

Darf ich trotzdem fragen, wie es war?

Es war toll – es war wirklich wundervoll! (lacht)

Sie leben sowohl in Toronto in Kanada als auch in Palm Beach in Florida. Welcher der beiden Orte inspiriert Sie mehr für Ihre Bücher?

Für meine Bücher nutze ich mehr Florida, weil es mehr Symbolik und den perfekten Hintergrund für meine Geschichten und meine Figuren bietet. Florida scheint absolut idyllisch: Es ist wunderschön, warm, sonnig, es ist wie das Paradies. Aber wenn man genauer hinsieht, entdeckt man die giftigen Schlangen, die Alligatoren, die Hurricanes – also all die versteckten Gefahren. Dort ist nicht alles so perfekt, wie es scheint. Toronto hingegen ist eine Großstadt, eine schöne Stadt, ich liebe Toronto. Ich habe Toronto zwei Mal für meine Bücher verwendet und werde es auch in Zukunft vielleicht tun. Ich wechsle die Orte gerne, dann wird es nicht langweilig für mich und auch nicht für meine Leser.

Verraten Sie uns, ob Sie bereits an einem neuen Buch schreiben?

Natürlich, ich habe nach „Nur der Tod kann dich retten“ bereits die nächsten zwei Bücher fertig. Ich schreibe ja wirklich immer (lacht). Mein nächstes Buch heißt auf Englisch „Charley’s Web“, wie es auf Deutsch heißen wird, weiß ich nicht. Es handelt von einer Zeitungskolumnistin und von der Geschichte eines Kindermörders. Es ist ein ziemlich dunkles Buch. Natürlich, denn das Thema Kindermord ist ein sehr dunkles Thema.

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