'Insidious': Dämonengeflüster aus dem Babyfon

4 von 5 Punkten

Eine grotesk aussehende, alte Frau erscheint in einem unheimlich beleuchteten Fenster. Um sie herum ist alles dunkel, finster, pechschwarz. Ihr faltiges, verhärmtes und grell geschminktes Gesicht verzieht sich zu einer bizarren Grimasse - es ist ein verrücktes Lächeln... Dies ist der Auftakt zu einem Thriller, der uns wieder so richtig das Fürchten lehrt. Die Macher der Kultreihe 'Saw’ haben mit ihrem neuen Film 'Insidious’ nicht weniger als ein kleines Meisterwerk geschaffen, das allerdings ganz ohne Splatter und Blutorgien auskommt und trotzdem für schaurig-fürchterliche Gänsehautmomente sorgt.

Dabei bedient der Schocker die klassischen Elemente des Horrorfilm-Genres: Ein unheimliches, vermeintlich verfluchtes Geisterhaus, ein besessenes Kind, paranormale Erscheinungen, knarrende Türen und natürlich eine alte Frau, die als Medium dient. Aber dennoch unterscheidet sich 'Insidious’ von vielen seiner jüngeren Vorgänger à la 'Paranormal Activity’, angefangen mit einem unglaublich beängstigendem Soundtrack, der ein wenig an Horror-Ikonen wie 'Der Exorzist’ von 1973 erinnert. Und natürlich beginnt 'Insidious’ anfangs noch recht harmlos: Für den Lehrer Josh Lambert (Patrick Wilson, 'Morning Glory’), seine Frau Renai (Rose Byrne ist gerade auch mit 'Brautalarm’ im Kino zu bewundern) und ihre drei Kinder ist der Umzug in ein schmuckes Haus die Erfüllung eines lange gehegten Wunschtraums.

Doch die Freude über das Traumhaus ist nur von kurzer Dauer. Nach einem Unfall auf dem Dachboden des Hauses fällt ihr Sohn Dalton (Ty Simpkins) in ein mysteriöses Koma, das selbst die besten Ärzte vor ein Rätsel stellt. Und als wären die Sorgen um ihren Spross nicht schon genug, häufen sich merkwürdige, rational kaum zu erklärende Vorkommnisse. Seltsame, dämonisch flüsternde Stimmen aus dem Babyfon beunruhigen Renai zutiefst. Und als sie wie aus dem Nichts eine dunkle Gestalt am Bett ihres Babys stehen sieht, die wenige Sekunden später wieder spurlos verschwindet, gibt es nur noch eine Alternative: Mit dem Haus stimmt etwas nicht - also so schnell wie möglich raus hier. Natürlich hält Josh seine Frau einfach nur für etwas zu hysterisch.

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Aber auch nach dem erneuten Umzug in ein anderes Haus geht der Spuk weiter, der Renai um den Verstand zu bringen droht. Und auch Josh lässt das nicht ganz unberührt. Immer häufiger scheint er sich nicht nach Hause zu trauen, schiebt Überstunden in der Schule vor. Doch warum nur? In Joshs Mutter Lorraine (Barbara Hershey spielte die Psycho-Mum in 'Black Swan’) findet Renai zum Glück eine verständnisvolle Zuhörerin, die eine mögliche Lösung für das Dilemma weiß. Eine alte Freundin von ihr, Elise Reiner (Lin Shaye), ist eine Spezialistin für übernatürliche Erscheinungen. Doch bei einem ersten Besuch in Daltons Zimmer stockt selbst der Expertin der Atem…

Bei allen notwendigen Zugeständnissen an das Genre gelingt es Regisseur James Wan mit seinem neuen Streifen 'Insidious’, dem oft unter seiner Schablonenhaftigkeit leidenden Horror-Film einiges an Frische einzuhauchen. Hat er mit seinem blutrünstigen aber ziemlich cleveren Werk 'Saw’ bereits schon Filmgeschichte geschrieben, könnte 'Insidious’ ein neuer Gruselklassiker werden, der auch ohne gewalttätige Blutorgien auskommt. Das wahre Grauen geschieht hier, wie auch in den großen Horrorklassikern der 70er Jahre, vor allem im Kopf des Zuschauers. Natürlich gerne verstärkt durch die üblichen Schockeffekte, die nicht fehlen dürfen: Immer wieder tauchen fiese und fratzenhafte Gestalten wie aus dem Nichts auf - hysterisch-kreischende Geigen inklusive -, die einem sofort das Blut in den Adern gefrieren lassen.

Zudem versuchen es Wan und Drehbuchautor Leigh Whannell, der auch für das ‚Saw’-Script verantwortlich war, mit Humor: Die beiden Assistenten der betagten Geisterjägerin sind fast bis zur Lächerlichkeit überzeichnet. Der Versuch, Humor und Horror zu vermählen, geht zwar nur teilweise auf, sorgt aber vor dem bitter-bösen Finale immerhin für eine kurze Erholung. Und das hat es in sich: Sämtliche Horrorfilme von 'Poltergeist’ über 'Der Exorzist’ bis hin zu 'Nightmare on Elm Street’ verschmelzen hier zu etwas ganz eigenem. Da ist es auch nicht allzu schlimm, wenn die Charaktere insgesamt doch ziemlich profillos bleiben, denn so herrlich-schön gruseln konnte man sich schon lange nicht mehr.

Von Norbert Dickten

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