Indie-Pop-Star Bosse über sein neues Album 'Engtanz', den Valentinstag und das Erwachsenwerden

Indie-Pop-Star Bosse: "Ich bin nicht mehr auf der Suche"
Bosse veröffentlicht am 12. Februar sein sechstes Studioalbum "Engtanz" © Benedikt Schnermann

Mit einer geschickten Aufforderung zum "Engtanz" präsentiert Axel Bosse (35) kurz vor dem Valentinstag sein sechstes Album. Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news verrät die deutsche Indie-Pop-Größe, wieso er mit Mitte 30 lieber zeiteffizient arbeitet und was ihm an Tagen, an denen er zu viel nachdenkt, wieder gute Laune verschafft. Ein Gespräch über das Erwachsenwerden.

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Endlich erwachsen?

 

Wieso haben Sie Ihr neues Album "Engtanz" genannt?

 

Axel Bosse: Albumtitel sollen bei mir immer so prägnant und so kurz sein, wie es nur geht. Und da fand ich Engtanz ziemlich passend. Eine nahe Situation, Stirn an Stirn, ein bisschen angeschwitzt, mit drei, vier Rotwein intus - dieses Gefühl vermittelt "Engtanz".

 

Haben Sie schöne oder peinliche Engtanz-Erinnerungen?

 

Bosse: Es gibt mittlerweile sogenannte Engtanz-Partys in Berlin und Hamburg, wo ich schon ein paar Mal war. Dort wird gut gekocht, man hat ein paar Gläschen drin und irgendwann schiebt der Koch die Tische zur Seite. Das hat immer großen Spaß gemacht. In meiner Pubertät war es jedoch so, dass mit dem ersten Lungenzug auch immer noch jemand in deinem Arm lag und man auf "Easy" Von Faith No More zusammen getanzt hat.

 

Ihr neues Album erscheint zwei Tage vor dem Valentinstag. Bedeutet Ihnen dieser Tag etwas?

 

Bosse: Ist das nicht so eine Erfindung der Douglas-Kette? Ich habe mit Valentinstag noch nie etwas am Hut gehabt. Wenn überhaupt mag ich diesen Tag nur, weil die Sängerin meiner Band Valentine heißt und wir den 14. Februar manchmal als ihren Tag feiern. Die letzten Male, die wir auf Tour waren, war das meistens auch um den Valentinstag herum, und sie hat immer irgendein Geschenk bekommen. Einen Kuchen ins Gesicht oder so.

 

Gibt es einen anderen Tag, den Sie als Tag der Liebe zelebrieren?

 

Bosse: Im besten Falle sollte man das jeden Tag tun, aber das schafft man natürlich nicht. Die Tage der Liebe sind für mich deshalb die Tage, an denen ich mit meiner Frau und meiner Tochter irgendetwas Gutes unternehme. Manchmal fahren wir zum Beispiel einfach irgendwo hin. Wir machen gerne Städtereisen. Gute Tage sind die, an denen man etwas Besonderes mit seinen besten Leuten macht.

 

Apropos Reisen, zum Schreiben von "Engtanz" haben Sie sich nach Umbrien in Italien zurückgezogen. Warum?

 

Bosse: Umbrien ist für mich die beste Möglichkeit, fokussiert Musik zu machen und Dinge fertigzustellen. Das ist super zeiteffizient, um dieses eklige Wort zu benutzen. Mein Produzent Philipp Steinke und ich sind dort alleine. Wir wohnen in einem Steinhaus, ich kann ziemlich viel in der freien Natur sein - zwei Wochen machen wir dort einfach nur Musik. Danach sind wir beide völlig fertig. Aber in den zwei Wochen schaffe ich so viel, wie ich sonst in Berlin oder Hamburg nicht in einem halben Jahr schaffe.

 

Gehört zeiteffizientes Arbeiten für Sie zum Erwachsenwerden?

 

Bosse: Ich weiß nicht, ob es "Erwachsenwerden" überhaupt gibt. Mit 20 bin ich die Dinge noch komplett anders angegangen. Da war ich immer durch den Wind und sehr getrieben. In diesem Alter habe ich auch noch andere Songs geschrieben und andere Themen gehabt. Jetzt bin ich 35 und meine bescheidene Erfahrung hat mir gezeigt, dass man sich selbst mit den Jahren immer besser kennenlernt. Für mich fühlt es sich gesünder an, nicht immer so viele Sachen auf einmal machen zu müssen.

 

Ganz nach dem Motto "Erwachsen sein und das sehr gut finden"?

 

Bosse: Viele Leute, die "Engtanz" bisher gehört haben, behaupten, dass es mein erwachsenstes Werk ist. Ich nehme das so in Kauf, ich bin schließlich wie gesagt keine 18 mehr. Ich habe mehr Verantwortung als früher und die Zeiten haben sich geändert. Mit 22 bin ich noch halb besoffen durch Berlin gelaufen und habe eben "Drei Millionen" geschrieben. Manchmal laufe ich auch immer noch halb besoffen durch Berlin, aber ich bin nicht mehr auf der Suche nach meiner Vision, meiner großen Liebe oder einem Zuhause. Diese Sachen sind geklärt und das ist ziemlich gut so. Die Themen, die ich in "Engtanz" beschreibe, sind aus einer "älteren" Welt.

 

Haben Sie Dinge an sich neu entdeckt, die Ihnen vorher nicht bewusst waren?

 

Bosse: Ich hatte keinen Bock, mich zu wiederholen. Ich bin irgendwann an den Punkt gekommen, zu sagen "Jetzt ist es Zeit, in die Tiefe zu gehen". Ich habe mich gefragt, wie mein Ist-Zustand aussieht. Und es hat wirklich gut getan, über mich selbst zu schreiben. Es fällt mir immer schon leichter, mir die Dinge von außen anzusehen und einzuschätzen, aber wenn es um einen selbst geht, ist das viel schwieriger.

 

Sind Sie ein Mensch, der sich zu viele Gedanken macht?

 

Das kommt immer ein bisschen darauf an... An den meisten Tagen bin ich so gut aufgelegt und so glücklich mit mir selbst, dass ich echt emphatisch und sozial stark sein kann und alles aushalte. Manchmal wird mein Leben aber auch von Druck, Stress und Extremsituationen beherrscht. An solchen Tagen kann es passieren, dass ich viel hadere und zweifle. Dann ist es super, jemanden zu haben, der eine Kanone ist. Jemanden, der dich glücklich macht und dir sagt "Es ist doch alles super, entspann dich mal".

 

Sie beschäftigen sich auf "Engtanz" auch mit Loslassen und Abschiednehmen. Ist in dieser Hinsicht etwas Besonderes passiert?

 

Bosse: Seitdem ich denken kann, fahre ich oft einfach los. Ich hab zuhause einen Koffer, der immer gepackt ist und mit dem ich immer losfahren kann. Das muss ich manchmal auch machen. Meine Familie und ich sind deswegen inzwischen schon echte Abschiedsprofis. Ich lebe ein Leben zwischen Auto, Deutsche Bahn und Flugzeug. Und auch sonst hatte ich schon viele prägende Abschiede. Von der Pubertät bis jetzt. Gerade in den letzten Jahren sind die ersten Freunde, die zu viel Party gemacht haben, gestorben. Außerdem habe ich das Gefühl, dass meine Tochter irgendwie total schnell wächst und dass ich wirklich aufpassen muss, so viele Stunden und Tage wie möglich mit ihr zu verbringen. Sonst zieht sie vielleicht auch mit 16 aus, so wie ich das gemacht habe.

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