'Im August in Osage County' mit Meryl Streep, Julia Roberts und Ewan McGregor: Selten war Hollywood SO verkorkst!

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Szene aus 'Im August in Osage County'
Zoff am Esstisch: Julia Roberts, Meryl Streep und Julianne Nicholson in dem Drama 'Im August in Osage County'. Foto: Tobis © CLAIRE FOLGER

Bewertung: 4 von 5 Sternen

'Im August in Osage County' schmeckt nach Schweiß und sonnenheißem Staub. Bittere Melancholie liegt über den Szenen wie ein ewiger Schatten. Die Einstellungen sind düster, beklemmend, der Humor rabenschwarz – genau wie die Themen. Es geht um Inzest, Krebs, Suizid, Süchte, Verrat, Betrug. Das ganze Drama einer völlig verkorksten Sippschaft. Doch während Tracy Letts im pulitzerpreisgekrönten Theaterstück noch so manch tiefschürfende Einsicht über Liebe und Familie freikratzte, geht es Regisseur und Autor John Wells in seiner Verfilmung keineswegs um hintergründige Psychogramme.

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Von Christina Rings

Stattdessen wühlt er mit bloßen Händen im Dreck und stellt splitternacktes Elend zur Schau. Ein Film voller Antihelden, verkörpert durch einen hochkarätigen Cast, der sich wie das 'Who is Who' der Filmindustrie liest. Sam Shepard ('Black Hawk Down', 'Die Akte‘) ist da noch ein vergleichsweise kleines Licht. Er mimt den alkoholkranken Beverly Weston, der sich gleich zu Beginn mit Schnaps betäubt in einen See stürzt. Nach dem Freitod kommt seine Familie für die Beerdigung in Osage County zusammen. Ein Schmelztiegel, bis zum Rand gefüllt mit Geheimnissen und verdrängten Enttäuschungen. Der Katalysator ist Witwe Violet (in Höchstform: Meryl Streep), der es - vielleicht auch wegen der Tabletten, die sie wie Smarties frisst - an jeder Impulskontrolle fehlt.

Ungefiltert plappert sie aus, was ihr durch den Kopf geht - und das sind meistens ziemlich boshafte Dinge. Tochter Barbara (selten hat man Pretty Woman so verwahrlost gesehen: Julia Roberts) wirft sie vor, am Tod ihres Vaters schuld zu sein. Auf ihrer Jüngsten Ivy (Julianne Nicholson, Fans vielleicht aus 'Ally McBeal‘ bekannt) hackt Violet rum, weil die viel zu burschikos sei, um einen Kerl abzubekommen.

Zynismus rettet den Film vor der Depression

Keine Frage: In der sengenden Backofenhitze Oklahomas schwelt ein Familiendrama. Das Konfliktpotential würde wohl für mehrere Staffeln einer kitschigen Telenovela reichen. Barbara und Bill (Ewan McGregor; 'Illuminati‘, 'Der Ghostwriter‘) stehen vor den Trümmern ihrer Ehe, alte Affären brechen auf, es kommt zu unbeabsichtigtem Inzest. Jeder einzelne der Charaktere hat sein Leben gründlich vermurkst - und Violet kippt genüsslich Öl in dieses Feuer.

Dennoch bleibt ein reinigendes Gewitter aus. Den Gefallen tut John Wells seinen Zuschauern nicht. Stattdessen lässt er die Situation unter der brodelnden Oberfläche hier und da eskalieren, die eigentlichen Konflikte werden nicht angerührt, entwickeln sich nicht weiter. Wells begnügt sich mit einer Beschreibung des Status quo - ohne Erklärungen und Ausflüchte. Ein starkes Stilmittel. Aber gleichzeitig geht dabei das Mitgefühl ein wenig flöten. Wie soll der Zuschauer auch mit der fast haarlosen Violet leiden, die trotz Mundhöhlenkrebs raucht wie ein Schlot und dabei Gift und Galle spritzt?

Trotzdem rührt 'Im August in Osage County' an. Was leicht hätte trashig werden können, wird durch die spielfreudige Starbesetzung auf ein hohes Niveau gehoben. Und obwohl die Thematik düster ist und schwer wiegt, erschlägt sie die Handlung nicht. John Wells lenkt den Fokus gekonnt auf die geschliffenen Dialoge und setzt auf schwärzesten Zynismus. Was den Protagonisten wohl zur reinen Selbsterhaltung dient, hat den Film vor der Depression gerettet - und die Zuschauer gleich mit.

Kinostart 06.03.2014

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