'Hereafter': Matt Damon spricht mit Toten

4 von 5 Punkten

Gibt es ein Leben nach dem Tod? Wer wollte das nicht wissen? Clint Eastwood geht dieser Fragestellung in seinem neuen Drama 'Hereafter' auf vielschichtige Weise nach, lässt Matt Damon mit Toten sprechen und Cécile de France ('Staatsfeind Nr. 1', 'L'Auberge Espagnole') fast im Tsunami ertrinken. Doch Eastwood führt seine beiden Stars erst ganz am Ende zusammen, denn 'Hereafter' ist ein klassischer Episodenfilm, wenngleich er sich auf drei Erzählstränge beschränkt.

Da ist einmal die erfolgreiche Fernsehjournalistin Marie, die Weihnachten 2004 in Indonesien vom Tsunami von der Straße gespült wird. Bewusstlos unter Wasser erlebt sie eine Vision, wie sie viele vor ihr berichtet haben: weißes Licht, ein Gefühl von Schwerelosigkeit, wartende, schemenhafte Gestalten. Dann wird sie gerettet, aber nichts mehr wird in ihrem Leben wie vorher sein. Zurück in Paris versucht die toughe Moderatorin, gleich weiter zu arbeiten, doch schnell muss sie merken, dass sie die gravierenden Ereignisse erst einmal verarbeiten muss. Sie beginnt, dem Phänomen Nahtoderfahrung auf den Grund zu gehen und stößt damit viele Menschen vor den Kopf.

Viel konkreter wird Eastwood nicht in der Darstellung des Übernatürlichen. Was Matt Damon als Seher George Lonegan tatsächlich wahrnimmt, wenn er die Hände seiner Mitmenschen berührt, erfährt der Zuschauer nur aus dem Mund des Schauspielers. Gezeigt wird lediglich eine Art elektrische Aufladung. Dabei behauptet der Mann am anderen Ende der Welt in San Francisco, die Toten sprächen zu ihm. Früher hat er ein Geschäft daraus gemacht, heute malocht er als einfacher Arbeiter in der Industrie, weil das Zuviel an Wissen über andere Menschen ihn belastete. George träumt von einem normalen Leben mit einem normalen Mädchen, doch als er im Kochkurs die einsame Melanie kennenlernt (charmant: 'Eclipse'-Bösewichtin Bryce Dallas Howard), erlebt er seine 'Gabe' wieder einmal als Fluch.

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Vor allem die Darsteller überzeugen in Clint Eastwoods Film zum Tsunami

Der kleine Schuljungen Marcus (George McLaren) in London würde einiges geben für so eine Fähigkeit, hat er doch gerade seinen Zwillingsbruder Jason (Frankie McLaren) verloren. Wie gern würde er wissen, ob Jason auf der anderen Seite weiterlebt. Zu dringend bräuchte der Sohn einer Drogensüchtigen, der auch noch zu einer Pflegefamilie abgeschoben wird, gerade jetzt seine bessere Hälfte – oder vielleicht auch nur jemand, mit dem er über den Tod reden könnte...

Lakonisch und doch mit einer zunehmenden Sogwirkung inszeniert Clint Eastwood die Story, die Peter Morgan, der Drehbuchautor von 'Frost/Nixon' und 'The Queen' entwickelt hat. Elegant gestaltet er die Schauplätze des Films auch optisch verschieden, lässt das Ganze trotzdem wie aus einem Guss wirken. Bei dem Stoff, der leicht in esoterischen Kitsch abdriften könnte, vertraut er zum Glück ganz auf die Kraft seines Casts.

Nicht nur Matt Damon als getriebener Seher und Cécile de France als erschütterte Powerfrau machen ihre Sache gut, sondern vor allem auch die Kinderdarsteller, die auch im wirklichen Leben ein Zwillingspärchen sind und Ron Howards Tochter Bryce Dallas, die bisher nicht wirklich als Charakterdarstellerin aufgefallen war. Bei den Effekten ist Eastwood zurückhaltend und verwendet alle Mühe auf die Wassermassen des Tsunami, denen man das Digitale zwar ansieht, die aber durchaus mit der Flutwelle aus 'The Day After Tomorrow' mithalten können. Ein Manko ist sicherlich, dass keine der Figuren wirklich zur Identifikation oder zu tiefem Mitgefühl taugt, aber vielleicht möchte man das bei so einem Thema auch nicht wirklich. Denn 'Hereafter' ist schon so düster, dass man ihn sich nicht gerade zu Gemüte führen sollte, wenn man eh schon dunkle Gedanken hat.

Von Mireilla Zirpins

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