Herbert Grönemeyer: 25 Platten aus drei Jahrzehnten

Herbert Grönemeyer
Herbert Grönemeyer wollte eigentlich nie Sänger werden. Foto: Daniel Reinhardt © deutsche presse agentur
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Es sind zwei Welten: Herbert Grönemeyer persönlich zu treffen und über ihn zu lesen und zu hören. Hunderte Seiten Material könnte man durchforsten, im Netz und auf Papier, alte Interviews und Artikel, das Buch aus der neuen Box "Alles".

Hunderte Stunden Musik könnte man hören, die eigenen CDs im Wohnzimmerregal, Musikvideos und Mitschnitte ganzer Konzerte mit bebenden Stadien bei YouTube. In diesem gigantischen Archiv finden sich zudem Bilder von Grönemeyer als Kind, TV-Auftritte aus den 80er Jahren, Szenen aus dem Film "Das Boot". Selbst für Hardcore-Fans scheint es unmöglich, das alles durchzuarbeiten. Der Mann erscheint übergroß, wie ein lebendes Denkmal der deutschsprachigen Rock- und Popmusik.

Anders der Eindruck, wenn man ihm begegnet: Fester Händedruck, ein herzliches Hallo, von Übergröße nichts zu spüren. Auf dem Sofa sitzt ein Mann in bequemen Klamotten, Jeans und Pullover, er trinkt Tee, ist 60 Jahre alt, im Kopf eher beschwingte Mitte 40, wie er sagt. Wenn er dann und wann schelmisch grinst und Witze macht, möchte man diese Angabe zum gefühlten Alter noch weiter reduzieren. Hier sitzt einer, der total normal wirkt, zufrieden mit sich, der nahbar ist, interessant, aber auch interessiert.

Nun trifft man Herbert Grönemeyer nicht unbedingt, um über seine privaten Leidenschaften Fußball und Autos zu plaudern. Meist soll es ja um seine berufliche Leidenschaft gehen, die Musik. Und davon gibt es jetzt wieder sehr viel, nämlich 25 "neue" CDs.

23 davon sind Neuauflagen seiner Alben aus den vergangenen drei Jahrzehnten. Die Box heißt "Alles", ein Buch gehört auch dazu. Bei der Zusammenstellung dieser "Werkschau", wie seine Plattenfirma das nennt, hat Grönemeyer selbst intensiv mitgewirkt, er ist dazu eingetaucht in seine Vergangenheit.

"Wir fanden es interessant, zu gucken, durch welche Facetten und Zeiten wir gelaufen sind", sagt der Musiker im dpa-Interview. Mit seinem Produzenten Alex Silva habe er sich hingesetzt und ausgewählt: "Beim Hören wundert man sich über die eigene Stimme und so manche Stilblüte, ist aber auch verblüfft über die eigenen Texte und freut sich, was einem damals so eingefallen ist." "Das ist meine Art der künstlerischen Autobiografie", erklärt Herbert Grönemeyer die CD-Box "Alles", zwischen den Zeilen seiner Lieder stecke sehr viel von ihm. "Zwischenbilanz passt auch, man hätte 'Alles bisher' sagen können", erklärt der Künstler und meint damit die zurückliegenden 32 Jahre.

So lange dauert diese Karriere nun schon - also die musikalische. Denn dieser junge Mann aus Bochum hatte sich schon einen Namen am Theater und beim Film gemacht, als es 1984 auch musikalisch so richtig abging. Zuvor waren vier Alben gefloppt, sein Label riet ihm aufzuhören. Aber "4630 Bochum" änderte alles: Die Platte mit "Männer", "Flugzeuge im Bauch" und der Hymne "Bochum" wurde das erfolgreichste Album des Jahres, blieb fast 80 Wochen in den Charts.

Dabei war diese Art von Musikkarriere gar nicht geplant, der Erfolg kam überraschend, wie Grönemeyer erklärt: "Als ich beim Rockpalast 1984 mit 'Männer' aufgetreten bin und die Leute in der Halle plötzlich mitgesungen haben, bin ich total erschrocken." Musik machen sei für ihn so normal gewesen wie Zähneputzen, aber "ich wollte nie Sänger werden, habe nicht davon geträumt, in Stadien zu singen".

Die hat Herbert Grönemeyer bis heute dutzendfach und mit Millionen Menschen gefüllt. Seit "4630 Bochum" haben es alle deutschsprachigen Studioalben auf Platz eins der Charts geschafft. Seine Lieder, seine Texte, vielen Deutschen sprechen sie aus der Seele, "Stimme der Nation" wird er genannt.

"Der Erfolg, das Geld, die Dimensionen - das verändert einen, das hatte schon eine ziemliche Wucht, da musst Du schon tief durchatmen", erinnert sich Grönemeyer. Richtig angefangen zu fliegen, auch im negativen Sinne, habe er mit den Alben "Sprünge" 1986 und "Ö" 1988. Seine Frau Anna, seine Freunde, seine Familie hätten ihn damals geerdet. Auch Jahre später habe sein Vater noch gemahnt, sein Sohn solle bloß nicht arrogant werden. "Inzwischen ist das Thema aber mehr oder weniger durch", sagt der Bochumer mit Wohnsitzen in Berlin und London lachend.

Geschichten und Erinnerungen wie diese stecken in der CD-Box, zwischen den Zeilen, in den Liedern, auf Fotos - das beiliegende Buch hat über 60 Seiten, alle Studioalben sind enthalten, ausgewählte Live-Alben, Film-Soundtracks, Seltenheiten.

Parallel erscheint "Live in Bochum", der Inhalt dieser Doppel-CD erklärt sich durch den Namen. Im Sommer 2015 gab es zwei Konzerte in der Heimat, Grönemeyer beschreibt sie als besonders: "In Bochum standen wir immer sehr unter Druck, waren verspannt. Dieses Mal hatte es eine andere Qualität, wir als Band waren erstmals gelassener, das war eine Atmosphäre wie bei einem Familienfest."

Bleibt zum Schluss die Frage, was die Fans in Zukunft zu erwarten haben, denn es war ja die Rede von einer "Zwischenbilanz". Aktuell schraube er an einem neuen Album, 2018 könnte da was kommen, sagt Grönemeyer. Und dabei werde es nicht bleiben, der Spaß am Spielen sei einfach zu groß.

Vor ein paar Jahren hat Grönemeyer mal gewitzelt, er würde sein letztes Konzert mit 89 spielen, in einer Kurmuschel, auf Helgoland oder in Travemünde - beide Ortsnamen sind in diesem Zusammenhang gefallen. Nur ein Spruch? Grönemeyer lacht und sagt, so könnte es tatsächlich kommen, in seiner Familie gäbe es etliche, die sehr alt geworden seien. So ganz unrealistisch erscheint es also nicht.


Quelle: DPA
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