Helmut Schmidt: Eine Seele von Macher

Helmut Schmidt: Eine Seele von Macher
Altkanzler Helmut Schmidt ist mit 96 Jahren gestorben © ddp images

Ein Urgestein der deutschen Politik ist abgetreten. Altbundeskanzler Helmut Schmidt (96) ist in seinem Haus in Hamburg-Langenhorn am Dienstag gestorben. Deutschland trauert um einen Mann, der seine Karriere nicht als Selbstzweck sah, sondern als harten Dienst am Volk. Der gebürtige Hamburger war beseelt von einer durch und durch preußischen Pflichterfüllung. Nicht zuletzt deswegen sahen die Deutschen in ihm laut einer "Stern"-Umfrage von 2013 den bedeutendsten und beliebtesten Kanzler seit Gründung der Bundesrepublik.

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Anders als die meisten denken

 

Sein Charisma

 

Angesichts des Ansehens, das der SPD-Politiker in weiten Bevölkerungskreisen genossen hat, möchte man glauben, er habe die Deutschen jahrzehntelang regiert. Doch Schmidt war nur von 1974 bis 1982 etwas über acht Jahre auf dem Gipfel seiner Macht. Helmut Kohl (16 Jahre), Konrad Adenauer (14 Jahre) und Angela Merkel (bislang zehn Jahre) regierten wesentlich länger. Davor hat er als wortgewaltiger SPD-Fraktionsvorsitzender und als Bundesverteidigungsminister sowie als Minister für Wirtschaft und Finanzen entscheidend die Bonner Republik mitgeprägt.

Der ehemalige Hamburger Bürgermeister Ole von Beust hat vor Jahren versucht, die Beliebtheit Schmidts zu ergründen. Er glaube, dass die Leute stets wussten, dass er kein einfacher Mensch war. Sie hätten stets seinen eigenwilligen Charakter akzeptiert. "Wir Deutsche sehen in ihm all das, was gut für uns ist." Fleiß, Anstand, Ehrlichkeit, Fairness, aber auch eine typisch hamburgerische Art des Charmes und des Humors. "Nicht immer unverletzend, aber klar und eindeutig."

Lange bevor er als weiser, kettenrauchender Elder Statesman den Deutschen eindrucksvoll in Wort und Schrift die Lage erklärte und auch mal über eigene Fehler oder Verfehlungen sprach, war er - ähnlich wie Herbert Wehner (SPD) oder Franz Josef Strauß (CSU) - gleichermaßen bei Freund und Feind gefürchtet. Sein ätzender Wortwitz war zeitweise waffenscheinpflichtig. Der Mann, der politischen Visionären riet, sie sollten besser den Arzt aufsuchen, war als "Schmidt-Schnauze" einer der besten und schärfsten Redner im Bundestag und auf den Regierungsbank.

Helmut Schmidt stand nie über den Dingen, diese Position überließ er Willy Brandt, der ihm angesichts von Schmidts Macherqualitäten eine gewisse Verbissenheit unterstellte. Dabei hatte der Hamburger noch eine ganz andere Seite, eine verletzliche und sensible, von der nur engste Freunde wussten.

 

Seine Jugend

 

Helmut Heinrich Waldemar Schmidt, geboren am 23. Dezember 1918 in Hamburg, hatte jüdische Wurzeln. Sein Vater, der Studienrat Gustav Schmidt, war der uneheliche Sohn eines jüdischen Bankiers. Helmut Schmidt war also "Vierteljude". Diese Abstammung hat die Familie während der Nazizeit geheim gehalten. Durch eine Urkundenfälschung wurde Vater und Sohn der Ariernachweis erteilt. Helmut Schmidt wäre sonst wahrscheinlich die Offizierslaufbahn in der Wehrmacht versagt geblieben. In seinen Kindheits- und Jugenderinnerungen schreibt Schmidt, seine Herkunft habe seine Ablehnung des Nationalsozialismus geprägt.

 

Seine große Liebe

 

1942 heiratete Helmut Schmidt die ein Jahr jüngere Lehrerin Hannelore Glaser. "Loki", wie er sie zärtlich nannte, ernährte allein die Familie, als Schmidt nach dem Krieg an der Hamburger Universität Volkswirtschaftslehre und Staatswissenschaften studiert und 1949 sein Examen als Volkswirt machte. Loki war stets an seiner Seite als er Karriere in der SPD machte, Hamburger Innensenator wurde und 1961 bei der großen Flutkatastrophe seine Fähigkeiten als Krisenmanager unter Beweis stellte. Loki hatte alle politischen Triumphe und Niederlagen miterlebt. Stets bleib sie Schmidts bescheidener Ruhepol. Besonders bewegend war der Anblick des weinenden Helmut Schmidts vor dem Sarg seiner Frau (2010). Man sah nicht mehr den Machtmenschen, sondern einen einsamen und verzweifelten alten Mann.

Zwei Jahre nach Lokis Tod stellte Schmidt der Öffentlichkeit eine neue Lebensgefährtin vor: Ruth Loah (82) zählt seit Jahrzehnten zu seinen Vertrauten und leitete zeitweise sein Wahlkreisbüro. Als Schmidt Herausgeber der "Zeit" wurde, war sie wieder an seiner Seite und betreute das Privatarchiv.

Dann gab Schmidt in seinem jüngsten Buch bekannt, dass er Loki jahrelang betrogen hatte. "Ende der Sechziger-, Anfang der Siebziger-Jahre", so schrieb er vage, habe er eine Geliebte gehabt, eine gewisse Helga, eine Parteigenossin, die sogar Reden für ihn geschrieben habe, wie "Bild am Sonntag" berichtete.

Sie sei 17 Jahre jünger als Schmidt gewesen, "eine gut aussehende, sportliche Brünette", so die Zeitung, verheiratet, zwei Töchter. Helga habe ihren Mann für den berühmten Politiker verlassen, der sich allerdings nie öffentlich zu ihr bekannte, sie aber regelmäßig in ihrem Haus in Hartenholm, einem Dorf zwischen Hamburg und Kiel besuchte.

Es war wohl eine ernste Affäre. Loki muss davon gewusst haben und soll ihm die Trennung angeboten haben. Er selber hatte das als "ganz und gar abwegige Idee" abgelehnt. Die Frau wurde sogar bei der Beerdigung von Loki gesehen.

 

Seine Kinder

 

1944 kam in Bernau bei Berlin der behinderte Sohn Helmut Walter zur Welt, er starb noch vor seinem ersten Geburtstag, eine Tragödie, die Schmidt wohl nie ganz verkraftet hat. Bevor 1947 die Tochter Susanne geboren wurde, hatte Loki Schmidt insgesamt sechs Fehlgeburten erlitten. Heute lebt Dr. Susanne Schmidt mit ihrem irischen Mann Brian Kennedy mit ihren drei (nicht leiblichen) Kindern in der englischen Grafschaft Kent. Sie arbeitet in London als Wirtschaftsjournalistin.

 

Seine Freunde

 

Der ermordete ägyptische Präsident Anwar as-Sadat und der ehemalige französische Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing zählten zu seinen engsten politischen Freunden. Gute Kontakte hatte Schmidt bis zuletzt zum ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger, der einmal gesagt hatte, er hoffe vor Schmidt zu sterben; denn er wolle in keiner Welt leben, in der es keinen Helmut Schmidt gebe.

Mit dem Philosophen Karl Popper stand Helmut Schmidt in engem brieflichem Kontakt. Und der Schriftsteller Siegfried Lenz war sein bester persönlicher Freund, für den er im vergangenen Jahr die Trauerrede gehalten hatte.

 

Der Kunstmensch Schmidt

 

Seine Leidenschaft für die Kunst führte so weit, dass er das Bundeskanzleramt mit zahlreichen Kunstleihgaben ausstatten ließ. Außerdem ließ er das Schild "Bundeskanzler" vor seinem Büro entfernen und stattdessen ein Schild mit der Aufschrift "Nolde-Zimmer" anbringen, das auf die Kunst in seinem Büro hinweisen sollte. Schmidt, der bis ins hohe Alter selbst malte, saß noch mit 95 dem Hamburger Maler Manfred W. Jürgens Modell.

Bekannter ist sein inniges Verhältnis zur Musik. Als Verteidigungsminister hat er die Big Band der Bundeswehr mitbegründet. Er selbst spielte Klavier und Orgel, besonders gern die Musik von Johann Sebastian Bach. Als 17-jähriger Schüler komponierte Helmut Schmidt vierstimmige Sätze zu Kirchenliedern. Später hat er mit den Pianisten Christoph Eschenbach, Justus Frantz und Gerhard mehrere Schallplatten aufgenommen, etwa zum Beispiel von Wolfgang Amadeus Mozart, Konzert für drei Klaviere und Orchester, oder von Johann Sebastian Bach, Konzert für vier Klaviere und Streicher in A-Moll.

Als große Belastung des Alters empfand Schmidt mehr und mehr den Verlust des Gehörs. Er konnte keine Musik mehr genießen.

 

Der Autor Helmut Schmidt

 

Helmut Schmidt wurde 24 Mal die Ehrendoktorwürde verliehen, darunter von so renommierten Universitäten wie Oxford, Cambridge und Harvard. Er hat nie groß darüber geredet. Wesentlich ernster nahm sich Schmidt als Autor. Er hat über 25 Bücher geschrieben. Die komplette Schriftensammlung wird in der Helmut Schmidt-Bibliographie dokumentiert, in der Helmut Schmidt-Universität, wie die Hamburger Bundeswehrhochschule nach ihm benannt wurde.

 

Sein Vermögen

 

Helmut Schmidt besitzt ein Reihenhaus in Hamburg-Langenhorn und einen Zweitwohnsitz am holsteinischen Brahmsee. Neben seinen Aufgaben als Herausgeber der "Zeit" hat er auch als Redner gearbeitet und dabei "keinen Vortrag für weniger als 15.000 Dollar" gehalten. Ist er Millionär? Zumindest hat er Millionen gespendet. "Meine Frau und ich haben insgesamt mehrere Millionen für verschiedene Stiftungen aufgebracht", sagte er dem "Zeitmagazin". "Wir wollten nie reich oder vermögend sein." Das Geld stamme hauptsächlich aus den Einkünften für seine Bücher: "Es ist reiner Zufall, dass sich gegen Ende meines Lebens meine Bücher so gut verkauft haben." Allein eine knappe Million ging an die von Schmidt mitgegründete Deutsche Nationalstiftung, die das Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschland fördert.

 

Sein Glaube

 

Helmut Schmidt, nach dem 1979 eine Rosensorte benannt wurde, war evangelisch-lutherischer Christ. Er bezeichnete sich allerdings als nicht religiös, aber er sei auch kein Atheist. In einem TV-Interview sagte er Sandra Maischberger, er vertraue nicht mehr auf Gott, auch weil Gott Auschwitz zugelassen habe.

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