Helmut Dietl: Ein Kämpfer, der Kultfiguren schuf

Helmut Dietl: Ein Kämpfer, der Kultfiguren schuf
Helmut Dietl ist im Alter von 70 Jahren verstorben © ddp images

Wo andere resignieren würden, bewies Helmut Dietl noch Humor. beispielsweise, als es 2013 um seine Krebsdiagnose ging. "So ein Mist - Krebs! Das hat mir gerade noch gefehlt!", sagte er damals im Interview mit der Wochenzeitung "Zeit" - ein Satz, der gut und gerne auch aus dem Munde einer seiner vielen Filmfiguren hätte stammen können. Schließlich waren auch diese, wie er selbst, Spinner, die sich dennoch als wahre Helden des Lebens entpuppten. So beispielsweise Monaco Franze. Dargestellt wurde dieser von Helmut Fischer für den das Leben ein ähnliches Schicksal bereitgehalten hatte, wie nun für Dietl.

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Leben, Geschichten und Frauen

Auch er war 1997 im Alter von 70 Jahren an Krebs gestorben. Die Krankheit hatte er lange seinem Regisseur verheimlicht - und dann irgendwann gesagt: "Das Leben macht sich mehr und mehr aus dem Staub". Wieder so ein Satz, der wie ein Bumerang über die Köpfe des Publikums segelt und dann zwangsläufig zu seinem Urheber zurückgekehrt. Zu Dietl direkt oder zu Fischer, dem das Dietl'sche Lebensbild wie ein Implantat eingepflanzt war?


Er wollte noch einen Film machen

Viele Schauspieler haben immer wieder wie ein Mantra die fast parapsychologischen Fähigkeiten des Filmemachers Helmut Dietl hervorgehoben, der es stets schaffe, die Authentizität der Darsteller hervorzukitzeln und in den Vordergrund zu stellen. Mit anderen Worten: Helmut Dietl, der große Zauberer, schnitzte und schliff sie sich so lange zurecht, bis sie die Identität seiner Figuren hatten. Mehr Originalität geht nicht, wäre auch nicht gut.


Nun ist er tot. Am Montag starb er in seiner Münchner Wohnung im Kreise seiner Familie, nur 70 Jahre alt. Die letzten Monate und Wochen hatte er keine Illusionen mehr, aber noch eine Menge Lebenslust. Es gab noch zwei bewegende Auftritte, beim "Bambi" und dem Filmpreis "Lola". Es heißt, sein Karzinom sei kleiner geworden, es glimmte Hoffnung auf, er wollte seine Biografie schreiben und noch einen Film drehen.


Als ihm die Ärzte vor zwei Jahren eröffneten, dass er Lungenkrebs und eine Überlebenschance von zehn Prozent habe, fand Helmut Dietl: "Das ist kein wirklich gutes Angebot." Er dachte an seinen Vater, der mit 50 einem Magen- und Speiseröhrenkrebs erlegen war und aussah "wie ein Skelett, Schläuche an allen Ecken und Enden." So wollte er nicht abtreten, so sollte ihn seine zwölfjährige Tochter Serafina Marie nicht sehen. Das war zumindest sein erster Reflex.


Starker Raucher und unregelmäßiger Friedhofsgänger

Der zweite war wiederum ein typischer Dietl. Wenn er bedenke, wie viel er geraucht habe, dann sei es geradezu ein Wunder, dass es so lange gut gegangen sei. In einem Interview mit dem "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo listete er dann auf, wie viele Zigaretten, hauptsächlich die französischen Brachialglimmstengel Gitanes ohne Filter, es tatsächlich gewesen sein müssen. "Eine knappe Million". Am Schluss seien es "mindestens 100 bis 120 Zigaretten am Tag" gewesen, dann habe ihn ein Schlaganfall ereilt, danach habe er aufgehört. Das war vor sieben Jahren, und da war es wohl schon zu spät.


Dann sagt Giovanni di Lorenzo, dass es nun ausgerechnet einen treffe, der sein Leben lang vor Krankheiten davongelaufen ist - wenn andere sie hatten. Und Dietl antwortet: "Ja, das stimmt. Das gilt für Krankheiten wie für Begräbnisse. Ich bin 76 zur Beerdigung meiner Mutter gegangen und dann nie wieder auf einen Friedhof." Selbst bei der Beerdigung seines Freundes Dieter Hildebrandt, der in seinem Kinofilm "Zettl" seine letzte Rolle spielte, sei er nicht erschienen. "Ich glaube, ich werde irgendwann ganz alleine an sein Grab gehen."


Mann aus kleinen Verhältnissen

Er war ruhiger geworden in den letzten Jahren, was nicht heißt, dass ein Dietl in Saft und Kraft nur darauf aus war, "die Sau raus zu lassen", wonach die Dietl'sche "Kir Royal"-Figur Heini Haffenloher (Mario Adorf) mit aller Macht lechzte. Dafür war Dietl ein viel zu lebensnaher Melancholiker. Er kannte die Lebenslust und die Depression, den Selbstzweifel und die Begehrlichkeit. Und er richtete sich in allen diesen vermeintlichen Widersprüchen gut ein.


Helmut Dietl stammt aus kleinen Verhältnissen, das hat seine Sicht auf Menschen geschärft. Geboren in Bad Wiessee am Tegernsee, wuchs er im Münchner Kleinbürgerviertel Laim auf. Da müssen sie ihm schon über den Weg gelaufen sein, die Typen, die auch mal so gern über den Tellerrand gucken, aber sich nie selbst verlieren wollten. Nach dem Abitur und einem abgebrochenen Studium der Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte geht er als Aufnahmeleiter zum Fernsehen und wird später Regieassistent bei dem Münchner Kammerspielen.


Dietls Kultserien

1974 kommt der erste große Erfolg mit der TV-Serie "Münchner Geschichten", die Story von drei jungen Losern, die sich unwiderstehlich und so erfolgreich durch den Alltag träumen, dass fast alle Spießer, die über sie den Kopf schütteln, anfangen mitzuträumen.


Die Serie wird Kult, ähnlich wie das Nachfolger-Epos "Der ganz normale Wahnsinn". Der "Spiegel" schreibt: "Da erinnerte der Regisseur stets an sein großes Vorbild Billy Wilder. Gerieten Dietls Helden und Antihelden inmitten all der Aufschneiderei, Betrügerei und Hurerei auch ins Schlingern, sie fanden meistens dann doch moralisch den Notausgang."


Dietl, der einmal gesagt hat, dass "außerhalb von München" für ihn "Ausland" sei, geht 1979 in die USA nach Los Angeles, er trifft seinen Freund Billy Wilder - und hat ein Schlüsselerlebnis, das aus einem seiner Filme stammen könnte. Er steht auf einmal in der Münchner Fußgängerzone. Sieht eine junge Frau, die vor einem Schaufenster steht. Sieht, wie sich ihr ein Mann in Trenchcoat und Hut nähert. Hört die junge Frau sagen: "Für den Fall, dass Sie mich ansprechen wollen, sage ich Ihnen gleich, bei mir geht nichts!" Worauf der Mann antwortet: "Ja, aber Fräulein, man doch sagt, ein bisserl was geht immer." Der Monaco Franze war geboren, ein Riesenerfolg.


Schon immer seine eigene Show

Dietl kehrt nach München zurück. Ist Darling der Szene und der Hochkultur gleichermaßen. Ist ernsthaft und witzig, bissig, streng und ehrlich, das irritiert die Leute wie den jungen Schauspieler Wolfgang Fierek, der bei Dietls "Monaco Franze" die besten Momente seiner Karriere hat. Dietl sagt zu ihm, dass er auch mal gerne so gute Laune hätte wie Fierek.


"Doch schon immer war er seine eigene Show", schreibt die "Süddeutsche Zeitung" über den großen Komödianten. Er war "der Mann ganz in Weiß, von Frauen, Bewunderern und Schleimscheißern umgeben, die er natürlich herzlich verachtet hat, unübersehbar auf jeder Filmparty. Und als ihm der ständige Gang zur Reinigung zu viel wurde, war er dann eben der Mann in Schwarz."


Dietl und die Frauen

Er hat die Frauen geliebt, und man kann nur hoffen, dass sie ihn verstanden haben. Viermal war er verheiratet. Mit der Journalistin Karin Dietl-Wichmann, mit der Französin Denise, mit der kultigen Sexbombe Barbara Valentin, zuletzt mit Tamara Duwe, einer Tochter des Polizisten und Publizisten Freimut Duwe. Die letzte Ehe hielt 13 Jahre bis zu seinem Tod.


Dazwischen gab es eine neunjährige Liaison mit Veronica Ferres, die Dietl für seinen Kinofilm "Schtonk" entdeckt hatte. Sie spielte auch in "Rossini - oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief" die weibliche Hauptrolle. In diesem wohl elegantesten Dietl-Film ("Der Spiegel") tauchen sie alle auf, die Freunde und Weggefährten: der Filmproduzent Bernd Eichinger, der Schriftsteller Patrick Süßkind ("Das Parfum"), der für Dietl Drehbücher schrieb, der Dichter Wolf Wondratschek und viele andere aus einer unentwirrbar verwobenen Medienwelt, wo jede(r) mit jedem...


Seine letzte Filme "Suchen und Finden der Liebe" und "Zettl", die Berliner Fortsetzung von "Kir Royal" fand nicht mehr die ungeteilte Gegenliebe des Feuilletons. Die Urteile waren harsch, teilweise auch verletzend. Dietl muss das sehr getroffen haben, zumal in dieser Phase auch ein gesundheitlicher Niedergang einsetzte.


Dem "Zeit-Magazin" hat Dietl vor drei Jahren gesagt: "Ich gehe auf keine Friedhöfe und auf keine Beerdigungen. Ich kann das nicht. Und ich werde das im Testament beschließen, dass ich auch nicht auf meine eigene Beerdigung gehen muss." Mit seinem Tod ist ein Lebensgefühl gestorben, das der banalen Alltagsrealität immer wieder ein kleines, freches Schnippchen geschlagen hat. Nicht nur München ist so viel leerer geworden.

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