'Hell or High Water': Chris Pine und Jeff Bridges in Höchstform

"Hell or High Water": Der Geheimtipp für die Oscars
Toby Howard (Chris Pine) ist bereit, für das Wohl seiner Familie das Gesetz zu brechen © Paramount Pictures, SpotOn

Jeff Bridges in Bestform

Komme, was wolle. Auf Teufel komm raus. Die deutsche Sprache bietet einige Redewendungen, um "Hell or High Water", den Titel von David Mackenzies neuem Film, adäquat zu übersetzen. Aber auch, um die immense Qualität des charaktergetriebenen Gangster-Dramas mit Chris Pine, Ben Foster und Jeff Bridges in den Hauptrollen zu beschreiben, hält der Duden einige passende Wörter parat. "Eindringlich" wäre zum Beispiel eines davon, "vorzüglich" ein anderes. Und "oscarreif" ein drittes.

Nicht ganz Robin Hood

Die Brüder Tanner (Ben Foster) und Toby Howard (Chris Pine) sind keine Heiligen, im Gegenteil. Wie auch, immerhin hat ihnen das Schicksal schwer mitgespielt. Unter der strengen Hand eines gewalttätigen Vaters aufgewachsen, lernten sie früh - zu früh - den Ernst des Lebens kennen. Und so hatte der Vater eines Tages einen "Unfall", wenig später landete Tanner für mehrere Jahre im Knast. Verbessert hat sich dadurch aber nichts: eine schwere Krankheit der Mutter verschlingt das Ersparte wie im Fluge. Und die Bank, die das Grundstück der Familie daraufhin gepfändet hat, ist wenig erpicht darauf, es Toby zu ermöglichen, das Land zurückzukaufen. Schließlich wurde darunter ein schlummernder Öl-Schatz in Millionenwert gefunden...

Also nehmen es Toby und der frisch aus dem Knast entlassene Tanner in ihre eigene Hand, binnen weniger Tage das notwendige Geld aufzutreiben. Mit dem Mute der Verzweiflung und ohne etwas zu verlieren entschließen sie sich, es von jenen gesichts- und herzlosen Banken einfach zurückzurauben, die es ihrer inzwischen verstorbenen Mutter aus der klammen Tasche gezogen haben. Allerdings haben sie dabei zwei Dinge nicht bedacht: Zum einen gibt es auf derartigen Raubzügen früher oder später immer unschuldige Opfer. Und zum anderen heftet sich mit dem erfahrenen Texas Ranger Marcus Hamilton (Jeff Bridges) alsbald ein Mann an ihre Fersen, der genauso wenig zu verlieren hat, wie das Bruderpaar selbst.

Wer ist Held, wer ist Antagonist?

"Hell or High Water" weiß wie schon lange kein Film mehr, seinen Figuren Tiefgang zu verleihen. Der Charakter eines Menschen setzt sich nun einmal nicht nur aus Schwarz- und Weiß-Tönen zusammen, sondern aus (weit mehr als 50) Graustufen. Natürlich wird Tanner früh als der wesentlich gefühlskältere, gewissenlosere der beiden Brüder etabliert. Aber er ist es auch, der die bittersten Tränen vergießt, als er das verwaiste Krankenbett seiner toten Mutter erspäht - nur um Sekunden später seinen Bruder mit den Worten "Scheiß auf sie, sie hat dich ohnehin immer lieber gemocht" anzukläffen.

Es ist diese "Harter Hund"-Fassade, durch deren winzige Löcher Foster genug fragile Menschlichkeit blitzen lässt, die ihn zu einem Oscaranwärter bei der anstehenden Verleihung machen sollte. So, wie er es vor rund sieben Jahren eigentlich auch schon für "The Messenger" hätte sein sollen. Etwas offensichtlicher ist die wieder einmal herausragende Leistung von Jeff Bridges als fast ausgedienter Texas Ranger. Das Zusammenspiel mit seinem indianischen Partner weiß zu unterhalten, zu amüsieren, zu rühren. Vor allem, als sich Hamiltons unentwegt rassistische Sprüche mehr und mehr als Frotzeleien eines zutiefst einsamen Mannes entpuppen. Ausgerechnet Hauptdarsteller Pine gerät da etwas ins Hintertreffen, auch wenn seine Darbietung nicht minder zu überzeugen weiß.

Spannung trotz viel Ruhe, Ruhe trotz viel Spannung

Eines sollten sich Kinogänger bewusst machen, ehe sie eine Kinokarte für "Hell or High Water" lösen. Regisseur David Mackenzie liefert damit keine zwei Stunden Action-Feuerwerk ab. Im Mittelpunkt stehen hier ganz klar die Beziehung zwischen den beiden Brüdern auf der einen, und die Hass-Liebe zwischen den beiden Cops auf der anderen Seite. Und gerade weil man beide Seiten trotz aller Unzulänglichkeiten im Laufe des Films nicht nur kennen, sondern auch schätzen lernt, graut einem beinahe vor dem unumgänglichen Finale, an dem Räuber und Gendarm aufeinandertreffen. Spürt man schließlich, dass es nicht für alle Beteiligten gut ausgehen wird.

Nichtsdestotrotz bietet "Hell or High Water" dank der zahlreichen Banküberfälle der immer sorgloser werdenden Brüder nervenaufreibende Spannung. Und durch die Parallel-Montagen, die ähnlich wie im Film "Heat" abwechselnd Jäger und Gejagte zeigen, zieht sich das Netz sehr stimmungsvoll für den Zuschauer immer weiter zusammen, bis ein Showdown unausweichlich scheint.

Da verzeiht man es dem Streifen auch wohlwollend, dass er mit einigen Film-Klischees aufwartet. Dem mit allen Wassern gewaschenen Polizei-Opa kurz vor der Pensionierung etwa. Oder den so unmenschlichen Bankern, denen die Dollarzeichen förmlich in den Augen zu stehen scheinen.

Fazit:

Mit "Hell or High Water" ist David Mackenzie ein packender Mix aus Drama, Thriller und Charakterstudie gelungen, der nicht zuletzt dank der herausragenden schauspielerischen Leistung des gesamten Ensembles zu faszinieren weiß. Besonders muss dabei neben Jeff Bridges auch Ben Foster erwähnt werden. Beide Mimen sollten sich nicht wundern, wenn die Oscar-Academy bei der Nominierung am 24. Januar bei ihnen durchklingelt. Wer Lust auf einen raffinierten, tiefgründigen, spannenden aber nicht effektheischenden Film hat, darf hier ohne Bedenken die Tickets ordern.

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