Helen Mirren auf Nazi-Jagd: 'Eine offene Rechnung'

4,5 von 5 Punkten

Für ihre mehrfach ausgezeichnete Rolle der britischen Queen Elizabeth II. bekam Helen Mirren 2007 völlig verdient den Oscar als beste Schauspielerin. Spätestens seitdem gilt die Schauspielerin als Garant für erstklassige Kinounterhaltung. Ihr neuer Film bildet da keine Ausnahme. Als Agentin des israelischen Geheimdienstes Mossad hat sie auch Jahrzehnte nach ihrer Jagd auf einen Nazi-Verbrecher noch ‚Eine offene Rechnung’, und sorgt damit für beklemmend-genialen Nervenkitzel.

Dabei ist am Anfang des Films die Welt noch in bester Ordnung. Rachel Singer (Helen Mirren) ist eine Heldin und wird in ihrer Heimat Israel wie eine solche seit über 30 Jahren verehrt. In den 60er Jahren bekam sie den Auftrag, zusammen mit dem pragmatisch-kühlen Stephen (Tom Wilkinson, ‚Die Lincoln Verschwörung’) und dem idealistischen David (Ciaran Hinds, ‚Das Ritual’) einen weltweit gesuchten Nazi-Arzt in Ost-Berlin aufzuspüren und nach Israel zu bringen. Die Mission wurde damals zwar nicht erfüllt, aber dennoch konnte Rachel den brutalen Kriegsverbrecher bei einem dramatischen Schusswechsel töten.

Drei Jahrzehnte nach der gefährlichen Mission – die drei Agenten sind längst zu einem Nationalheiligtum geworden – veröffentlicht die stolze Tochter von Rachel ein Buch über den Einsatz des Agententrios. Während einer Lesung erfährt die mittlerweile in die Jahre gekommene Rachel von ihrem Ex-Mann Stephen allerdings eine schockierende Nachricht über ihren einstigen Kameraden David. Eingeholt von der Vergangenheit durchlebt Rachel gedanklich noch einmal den gefährlichen Undercover-Auftrag, der ihren weiteren Weg bis heute bestimmt hat. In detaillierten Rückblenden wird erzählt, wie Rachel, Stephen und David 1966 als junge Mossad-Agenten für ihr Vaterland nach Ost-Berlin geschickt werden.

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Wie schwer wiegt die Last der Vergangenheit?

Dort sollen die drei Agenten, die als junge Erwachsene hervorragend von Jessica Chastain (‚The Tree of Life’), Marton Csokas und dem ‚Avatar’-Star Sam Worthington verkörpert werden, den berüchtigten Nazi-Kriegsverbrecher Dieter Vogel (Jesper Christensen, ‚Ein Quantum Trost’) aufspüren. Um den mittlerweile als Gynäkologen arbeitenden ‚Chirurgen von Birkenau’ in eine Falle zu locken, wird Rachel als Köder für ihn eingesetzt. Unter größtem Risiko wird der Einsatz zwar beendet - aber war er wirklich erfolgreich? 30 Jahre nach der Mission droht ein neues Ereignis die Legende und den Ruhm der drei Agenten vielleicht für immer zu zerstören. Was geschah in der verregneten Nacht in Ost-Berlin wirklich?

Der neue Film von John Madden (‚Shakespeare in Love’) funktioniert nicht wie ein klassischer Agententhriller, in dem die Spione im Auftrag des Guten über ihre Grenzen gehen, das Böse besiegen und um bestmögliche Aufklärung bemüht sind. Ganz im Gegenteil: Im Remake des israelischen Spionagedramas ‚Ha-Hov’ tragen die Geheimagenten sehr schwer an der Last ihrer vergangenen Mission, bei der die Wahrheit im Dunkel der Vergangenheit begraben wurde und dort auch bleiben muss, damit das eigene Lebenswerk nicht zerstört wird. Dabei bewegt sich der Thriller elegant zwischen den beiden Zeitebenen und spielt perfekt mit den Erwartungen des Zuschauers.

Das düstere Herzstück des Films spielt sich allerdings in der kammerspielartigen Enge im Ostberliner Unterschlupf ab, wo die drei jungen Mossad-Agenten ausharren müssen, bis sie mit ihrem Gefangenen nach Israel fliehen können. Unerbittlich steigert sich das Psycho-Duell zwischen den drei Agenten und dem diabolischen Nazi-Arzt bis zu seinem Höhepunkt. Dennoch punktet der Film am meisten mit ‚Queen’ Helen Mirren, die als in die Jahre gekommene und verhärmte Agentin ihrer eigenen Schuld nicht entfliehen kann. Mit ihrer beeindruckenden schauspielerischen Leistung lässt die brillante Mimin garantiert keine Rechnung offen.

Von Norbert Dickten

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