Heißer Oscarfavorit: Sean Penn als schwuler Politiker

Heißer Oscarfavorit: Sean Penn als schwuler Politiker

Von Mireilla Zirpins

Das wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Oscar für die beste männliche Hauptrolle dieses Jahr. Denn wer wollte sich entscheiden müssen zwischen Mickey Rourke, der so herrlich heruntergekommen seinen ‚Wrestler’ mimt und sich völlig schamlos mit einem Damenrasierer die Achseln enthaart und Sean Penn, der als schwuler Politiker in ‚Milk’ die Vorstellung seines Lebens gibt? Die besseren Chancen hat vermutlich Rourke, der zuvor nie auch nur für einen Academy Award nominiert war und mit ‚The Wrestler’ ein fulminantes Comeback feierte. Für Penn ist es bereits die fünfte Nominierung als leading man, und einen Oscar hat er schon. Trotzdem hätte er den Goldjungen verdient für sein Porträt der schillernden Figur Harvey Milk, das er vielschichtig und vor allem frei von Gemeinplätzen anlegt.

Nein, sein Harvey Milk ist wahrhaft kein Klischeeschwuler, wie er uns in Hollywoodfilmen so gern präsentiert wird. Am Anfang des Films spürt man deutlich den Mief der späten Sechziger, in denen Milk sein Dasein als Versicherungsangestellter gefristet hat. Und obwohl Milk ein deutliches schwules Selbstbewusstsein an den Tag legt, ist er in der Öffentlichkeit sehr zurückhaltend. Herrlich linkisch, ein bisschen schüchtern und doch dreist spielt Sean Penn, wie sich Milk an den jungen Scott Smith (eine echte Offenbarung: James Franco, der endlich mal mehr spielen darf als Spider-Mans Sidekick) heranschmeißt. Milk wird 40 und will seinen Midlife-Crisis-Geburtstag nicht allein feiern.

Aus der Kuchenschlacht im Bett wird die große Liebe, und Gus Van Sant inszeniert diese Love Story zwischen zwei Männern so selbstverständlich und natürlich als wäre es irgendeine heterosexuelle Romanze, nur frei vom Kitsch vieler Traumfabrik-Melodramen. Die beiden ziehen nach San Francisco, wo die Blumenkinder den Zeitgeist bestimmen. In einem Viertel, wo sich langhaarige Jungs in zu engen Schlaghosen und mit freiem Oberkörper offen mit Gleichgeschlechtlichen auf der Straße zeigen, blühen die beiden auf. Doch Harvey Milk will mehr als den kleinen Fotoladen, den er und Scott zusammen aufgebaut haben. Er träumt von einem Einzug in den Stadtrat.

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Heißer Oscarfavorit: Sean Penn als schwuler Politiker

Fünf Jahre wird er darum kämpfen, endlich als Politiker ernst genommen zu werden und die Chance zu bekommen, für die kleinen Leute und seine schwulen Freunde zu kämpfen. Dabei bleiben nicht seine langen Haare auf der Strecke, sondern auch seine Beziehung zu Scott auf der Strecke. Neue Männer treten in sein Leben wie der junge Herumtreiber Cleve Jones (herrlich abgedreht, aber mit schlimmer Perücke: Emile Hirsch) oder der exzentrische Psycho Jack Lira (schräg: Diego Luna). Und mit dem erzkonservativen Politiker Dan White hat er sich einen neuen Erzfeind geschaffen…

Wer nicht weiß, wie die Geschichte dieser Ikone der Schwulenbewegung weitergeht, dem soll es an dieser Stelle auch nicht verraten werden. Gus Van Sant hat es, obwohl der Film ihm ein bisschen zu lang geraten ist, jedenfalls spannend, quietschbunt und trotzdem nicht oberflächlich inszeniert - und mit viel Fingerspitzengefühl. Man kann Van Sant vorwerfen, dass er wie Filmemacher vor ihm auch etwas gehemmter an die Bettszenen zwischen Männern herangeht als man es von gemischtgeschlechtlichen gewohnt ist. Aber sein Fokus liegt nicht auf Harvey Milks sexueller Ausrichtung, sondern auf Milk als Politiker, wie seine Wähler ihn sahen. Und die sahen einen Mann, der nicht davor zurückschreckte, mit seinem Freund in aller Öffentlichkeit wild zu knutschen.

Das spielt Sean Penn so selbstverständlich und voller Hingabe, dass es eine wahre Wonne ist. Kein tuntiges Gehabe, keine exaltierte Oscar-Show. Penn ist Milk mit Haut und langem Haar. Sein Sprachduktus ist ein bisschen weicher und leiser als sonst, seine Gesten unsicher und ein bisschen unbeholfen. Schön beobachtet ist das und astrein gespielt. Und obwohl ‚Milk’ ganz klar eine One-Man-Show ist, drängt sich Penn nie in den Vordergrund und bietet seinen hauptsächlich männlichen Mitstreitern genug Freiraum zur Entfaltung. Eine wahrlich oscarreife Performance.

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