Heißer Oscar-Kandidat: 'The Help'

Bryce Dallas Howard und Emma Stone in 'The Help'
'The Help' gehört zu den sicheren Oscar-Kandidaten © Dale Robinette

5 von 5 Punkten

"Bücher sollen nicht zwischen Schulen für Schwarze und Schulen für Weiße ausgetauscht, sondern nur von der Rasse benutzt werden, die sie zuerst gelesen hat." Dieser gedruckte Text kann nicht annähernd wiedergeben, was die ‘Jim Crow‘-Rassengesetze, die in den Vereinigten Staaten von Amerika bis 1964 gültig waren, für die Menschen bedeuteten. Damit man das nachfühlen kann, versetzt uns der Film 'The Help’ in diese Zeit zurück - jedoch ohne den Moralhammer auszupacken, ohne Gefühle oder Mitleid zu erzwingen. Das schafft er durch eine starke Story und brillante Schauspieler, die ihre Rollen mit so viel Liebe füllen, dass der Zuschauer nicht anders kann und sie einfach zurücklieben muss. Ein echter Oscar-Anwärter!

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Schwarze tragen spezielle Krankheitserreger in sich, die Weiße nicht verarbeiten können. Da ist sich Miss Hilly Holbrook (teuflisch-fantastisch: Bryce Dallas Howard, 'Twilight') sicher. Darum fordert sie beim Gouverneur von Mississippi auch separate Toiletten für die farbigen Hausangestellten. Für sie und die anderen Damen im Jackson der frühen 60er Jahre sind afroamerikanische Hausmädchen lediglich ein schickes Accessoire, mit dem auf Bridge-Abenden geprahlt wird. Dass sich Minny (unverschämt-bezaubernd: Octavia Spencer, 'Dinner für Spinner'), Aibileen (stark und intensiv: Tony-Gewinnerin Viola Davis, 'Glaubensfrage', Knight and Day') und die anderen Angestellten für die Familien aufopfern, übersehen sie dabei geflissentlich.

Eugenia 'Skeeter' Phelan (süß: Emma Stone, 'Einfach zu haben') ist das genaue Gegenteil von Miss Hilly: kein Ring am Finger, kein Babybauch unterm Petticoat, dafür einen Vertrag für eine wöchentliche Kolumne im 'Jackson Journal‘ in der Tasche. Und dass sich ihre alte Freundin ein Toilettenhäuschen in den Garten bauen lässt, will so überhaupt nicht in den Kopf der frischgebackenen Uni-Absolventin gehen. Mit einer Mischung aus Naivität und einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit macht sie sich schließlich an ein mutiges Projekt: Sie will ein Buch schreiben - aus der Sicht der farbigen Hausmädchen. Doch Schwarzen ein Forum zu bieten - und ein kritisches noch dazu - kann alle Beteiligten ins Gefängnis bringen. Am Ende steht ein Buch in den Geschäften, das einen Blick hinter die schicke Vorstadt-Kulisse gewährt - und ganz Jackson in Aufregung versetzt.

Das Thema, um das sich 'The Help‘ im Kern dreht, ist äußerst komplex und könnte locker mehr als 146 Filmminuten füllen. Und genau bei diesem entscheidenden Punkt gelingt dem noch recht unbekannten Regisseur Tate Taylor ein guter Kompromiss: Er lässt die politischen Umwälzungen dieser Tage durch Martin Luther King in kurzen Radio- oder Fernsehsequenzen einfließen. So sind sie zwar stets präsent, erschlagen aber nicht die Handlung, die sich im Mikrokosmos der Kleinstadt Jackson abspielt. Gleichzeitig wirkt dieser Blick durchs Brennglas wie ein Verstärker, indem er die Problematik auf einige wenige Leben herunterbricht. Der Zuschauer ist so nah dran, dass er die Angst der Hausmädchen beinahe spüren kann, als der 'Ku Klux Klan‘ bedrohlich nahe rückt.

Mit Bryce Dallas Howard hat Taylor für die mächtige Antagonistin aus dem Bestseller 'Gute Geister‘, auf dem sein Film basiert, eine hervorragende Besetzung gefunden. Sie schafft es nicht nur, die Zuschauer gegen sich aufzubringen: Am Ende des Films gelingt es ihr sogar, Empathie zu wecken. Und genau das macht aus ihr die perfekte Widersacherin.

All das zusammen ergibt einen eindringlichen Film, den man nach fast zweieinhalb Stunden nachdenklich und mit verquollenen Augen verlässt. Der in Erinnerung bleibt und der ein tiefes Verständnis dafür weckt, was die ‚Jim Crow‘-Rassengesetze, die in den USA bis 1964 gültig waren, für die Menschen bedeuteten.

Von Christina Rings

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