Hannah Herzsprung muss durch die Hölle - 'Hell'

3,5 von 5 Punkten

Wenn selbst Hollywoods Apokalypse-Guru Roland Emmerich sich dazu bereit erklärt, als Produzent für einen deutschen Endzeitfilm herzuhalten, dessen Macher sich erst unlängst von der Filmschulbank verabschiedet hat, muss er auf einen äußerst vielversprechenden Jungregisseur gestoßen sein. Tatsächlich entpuppt sich das Langfilmdebüt des Schweizers Tim Fehlbaum ‚Hell‘ als ambitioniertes Genrekino, das dem Publikum eindrucksvoll beweist: stylische Gänsehaut-Thriller müssen nicht immer aus Hollywood kommen.

Für seine atmosphärisch inszenierte Charakterstudie schickt Fehlbaum seine fantastische Protagonistin Hannah Herzsprung (‚Der Baader-Meinhoff-Komplex‘, ‚Vier Minuten‘) auf einen grausigen Höllentrip: Im Jahre 2016 brennt die Sonne wegen des Klimawandels so heiß und ‚hell‘ auf die Erde nieder, dass an ihr jegliches Leben jämmerlich zu Grunde geht. Wälder sind ausgebrannt, Tiere ausgestorben, Wasser und Benzin sind knapp und ohne Schutzbrille, Kapuze und Kleidung am ganzen Körper kann man sich der segnenden Hitze und der gleißenden Helligkeit nicht aussetzen. In diesem Horrorszenario versuchen Marie (Hannah Herzsprung), ihre Schwester Leoni (Lisa Vicari) und der Überlebenden Phillip (Lars Eidinger) in die Berge zu gelangen. Es heißt, dort gäbe es Wasser. Als auch der Sprit zuneige geht treffen sie auf einer verlassenen Tankstelle plötzlich auf den zwielichtigen Mechaniker Tom (Stipe Erceg, 'Der Baader Meinhoff Komplex', 'Die fetten Jahre sind vorbei'). Er bietet ihnen seine Fertigkeiten an, wenn sie ihn mitnehmen. Steckt er dahinter, als plötzlich Leonie verschwindet? Schnell muss Marie feststellen, dass nicht die Sonne der Feind ist, sondern die tiefen Abgründe der menschlichen Seele.

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Der junge Schweizer geht bei seinem ersten großen Leinwandfilm mit absoluter Stilsicherheit ans Werk. Zwar bedient er sich mit Freuden etwas abgehalfterten Mitteln wie der Wackelkamera und setzt in Close Ups Hannah Herzsprungs hübsches, verschwitzest Gesicht in einen krassen Gegensatz zu ihrer ausgerotteten seelenlosen Umwelt. Die nämlich wird in eindrucksvollen Totalen präsentiert und unterstreicht damit das ausweglose Verlorensein der Überlebenden. Fehlbaum aber führt diese genretypischen Kniffe so gekonnt zusammen, dass der Zuschauer sich ohne weiteres in die morbide Atmosphäre dieses doch düsteren Films einfinden kann. In der Machart steht ‚Hell‘ Endzeitvisionen wie ‚28 Days Later‘ oder ‚The Road‘ in nichts nach.

Da der Film allerdings hier nicht wirklich viel Neues bietet, hätte Fehlbaums Drehbuch etwas überraschender ausfallen dürfen. Schon relativ früh wird dem Publikum das Motto „der Mensch ist der Menschen Wolf“ auf einem Silbertablett präsentiert. Ein wenig unbeholfen wirkt die eigentlich interessante Charakterstudie, wenn Fehlbaum die Spannung aufrecht zu erhalten versucht und den Aha-Moment hinauszögert, obwohl schon lange für jeden klar sein sollte, wohin uns der Regisseur mit seiner Geschichte führen will. Das zieht sich im letzten Drittel dann leider doch ein wenig. Das Interessante dabei ist allerdings, warum einem der Horror schnell bewusst wird: Er ist erschreckend nachvollziehbar.

Trotz dieses kleinen Durchhängers gegen Ende lohnt es sich in jedem Fall ein Kinoticket zu lösen. Fans geradliniger Endzeitthriller, die mit viel Spannung daherkommen und dabei ohne übertriebenen Action-Schnick-Schnack auskommen, sind hier sicherlich trotz der sehr vorhersehbaren Story gut aufgehoben. Roland Emmerich hat sein Vertrauen zu Recht in den jungen Regisseur gesetzt, der sich hiermit für die große Leinwand etabliert hat. Fast hätte Fehlbaum während der Produktion das Handtuch geworfen, als plötzlich letztes Jahr der sehr ähnliche 'The Road' anlief. Gut, dass man ihn eines besseren belehrt hat. Von Fehlbaum wird man noch hören.

Von Mihaela Gladovic

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