H. R. Giger: Ein Visionär des Düsteren

H. R. Giger: Ein Visionär des Düsteren
H. R. Giger posiert am "Alien"-Filmset mit einem Ei des Ungeheuers © ddp images

Heute vor einem Jahr hat die Welt einen Ausnahmekünstler verloren: Der Schweizer Surrealist H. R. Giger starb am 12. Mai 2014 im Alter von 74 Jahren an den Folgen eines Sturzes. Mit seinen abgründigen Visionen hatte er Bekanntheit weit über die einschlägigen Kunstkreise hinaus erlangt und die dunkle Seite der Popkultur nachhaltig geprägt.

- Anzeige -

Erster Todestag des "Alien"-Schöpfers

 

"'Künstler' ist ein Schimpfname"

 

Hansruedi Giger wurde am 5. Februar 1940 in Chur (Kanton Graubünden) geboren. Eine Künstlerlaufbahn war so ungefähr das letzte, was seine Eltern, der Apotheker Hans Richard Giger und seine Frau Mely, für ihren Sprössling im Sinn hatten - "'Künstler' ist in Chur ein Schimpfname, der Säufer, Herumhurer, Faulenzer und Debilität in einem bedeutet", erklärte Giger in seinem Buch "H. R. Giger ARh+". Doch der kleine Hansruedi war schon früh von allem morbiden und ekelerregenden fasziniert, etwa dem blutüberströmten Christus aus dem Kindergarten, Bildern von historischen Folterszenen oder den Blutegeln aus der väterlichen Apotheke. Als Jugendlicher suchte er ein kreatives Ventil für seine düsteren Leidenschaften, richtete sich ein "schwarzes Zimmer" und eine Geisterbahn ein. Seinen Eltern zuliebe machte Giger zwar eine Ausbildung als Innenarchitekt, doch der Ruf der Kunst war immer stärker.

Ab 1959 wurden Gigers erste Zeichnungen in verschiedenen Schülerzeitungen und Undergroundzeitschriften veröffentlicht: Die "Atomkinder", eine Reihe von missgebildeten aber verspielten Mutanten. Mitte der 60er entstanden die ersten Ölgemälde, 1972 entdeckte er das vielleicht wichtigste Medium seines Schaffens für sich: Die in der etablierten Kunst eher geschmähte Spritzpistole. Mit ihr erschuf er fotorealistische, monströse Landschaften, bevölkert von biomechanischen Ungeheuern, gefolterten oder kopulierenden Körpern und oftmals verstörend schönen Frauengestalten. Der holländische Zoll wollte einmal einige Bilder zurückhalten - die Beamten hielten die grotesken Szenen tatsächlich für Fotos. "Wo glaubten die wohl, hätte ich diese Sujets fotografiert? Wohl in der Hölle?", spöttelte Giger. Ab Anfang der 90er konzentrierte er sich auf seine plastischen Arbeiten und sein Museum, das er 1998 in einem Schloss in Gruyères einrichtete.

 

Durchbruch in Hollywood

 

Gigers erstes großes Filmprojekt war eine Totgeburt: Er übernahm Mitte der 70er das Set-Design für Alejandro Jodorowskis nie realisierte "Dune"-Verfilmung. 1979 platzte dann Gigers bekannteste Kreatur aus dem Brustkorb eines glücklosen Astronauten: Das "Alien" aus dem gleichnamigen Film von Ridley Scott. Kein extraterrestrisches Leinwand-Ungeheuer hatte zuvor auch nur annähernd so fremdartig und bedrohlich gewirkt. "Alien" wurde zum Kassenschlager, Giger für seinen Beitrag mit einem Oscar geehrt. Der Künstler war zuvor nicht unbedingt von seinem Triumph überzeugt: "Warum sollte ausgerechnet ich einen Oscar bekommen? Ich mache ja nichts anderes, als meine Gedanken darzustellen." Danach standen die Produzenten bei Giger Schlange, doch der blieb wählerisch und arbeitete nur an wenigen anderen Filmen, darunter "Poltergeist 2" (1986) und "Species" (1995).

Giger war mit "Alien" endgültig zur Pop-Ikone geworden, was sich auch an den zahlreichen Plattencovern zeigte, die er gestaltete. Schon Mitte der 70er hatte er Artworks für Bands wie Emerson, Lake & Palmer und Floh de Cologne geschaffen. Nach dem Filmerfolg wurde er auch hier zunehmend gefragter. Kult ist bis heute das Cover zu Debbie Harrys Soloalbum "KooKoo", für das Giger die Blondie-Sängerin - wie auch in einem dazugehörigen Musikvideo - in eine seiner Kreaturen verwandelte. Giger-Werke zierten die Cover von Bands wie Celtic Frost, Danzig und Carcass, sowie unzähligen weiteren Black- und Death-Metal-Gruppen, die seine Bilder ohne Genehmigung verwendeten. Auch auf anderen Ebenen arbeitete er mit Rockbands zusammen, entwarf Gitarren und Bühnendekorationen, die Böhsen Onkelz durften den Clip zu "Ein dunkler Ort" im Giger-Museum drehen.

 

Musen und Manager: Gigers Frauen

 

Drei Frauen spielten eine wichtige Rolle in Gigers Leben. 1966 kam der damals noch mittellose Künstler mit der Schauspielerin Li Tobler zusammen, seiner ersten großen Liebe. Es war eine stürmische Romanze, geprägt von Drogenexzessen und Affären auf beiden Seiten. Für Giger war die Beziehung aber auch ungemein inspirierend, Tobler war der Gegenstand mehrerer Werke und diente ihm als lebende Leinwand. Ihre Liebe fand ein tragisches Ende als Tobler, die bereits einen Selbstmordversuch hinter sich hatte, sich am 19. Mai 1975 mit einer Waffe aus Gigers Sammlung erschoss. Giger stand danach lange unter Schock und machte sich schwere Vorwürfe.

Durch die turbulente "Alien"-Zeit begleitete Giger Mia Bonzanigo, die er am 28. August 1979 heiratete. Ihr "Liebeszauber" inspirierte ihn zu der expliziten Reihe "Erotomechanics". Nach eineinhalb Jahren trennten sich die beiden wieder, blieben aber befreundet. Erst Ende 2005 trat Giger mit Carmen Maria Scheifele wieder vor den Traualtar, der Direktorin seines Museums, mit der er damals seit fast zehn Jahren liiert war. Kennen gelernt hatten sie sich bereits Anfang der 80er. Mit ihr blieb Giger bis zu seinem Tod verheiratet.

— ANZEIGE —