Gentleman im exklusiven Interview

Gentleman im exklusiven Interview
Geburtstagsgeschenk: Das neue Album "New Day Dawn" ist an Gentlemans Geburtstag, dem 19. April, erschienen.

"Reggae ist zu radikal für die Charts"

Mit "New Day Dawn" veröffentlichte Gentleman, mit bürgerlichem Namen Tilmann Otto, kürzlich sein sechstes Stuidoalbum. Die Songs des Wahl-Kölners, der sogar in Jamaika, dem Mutterland des Reggae, Kultstatus genießt, sind von den USA bis Australien bekannt und seine Touren regelmäßig ausverkauft. Wie schwierig es für den 38-Jährigen war, in Jamaika als deutscher Reggae-Musiker anerkannt zu werden, warum die Musik wie eine Therapie für ihn ist, und er manchmal einfach mal für niemanden erreichbar ist, hat er uns im Exklusiv-Interview verraten.

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Von Nicole Feybert

Es war drei Jahre recht ruhig um dich, was hast du in der Zeit gemacht?

Gentleman: Ich habe getourt und war viel unterwegs. Wir touren ja viel international, und in der Zeit, in der ich nicht in den deutschsprachigen Ländern bin, heißt es dann oft 'Wo ist er denn, was macht er denn?'. Ich habe ein Album produziert, bin Familienvater – und schwupp, sind drei Jahre um. Gerade durch das Touren vergeht die Zeit sehr schnell. Aber diese drei Jahre sind ein guter Zeitraum, um ein neues Album zu machen.

Du hast das Stichwort gegeben. Der Titel ist „New Day Dawn“; erzähl uns was dazu.

Gentleman: „New Day Dawn“ steht für Aufbruch und Neuanfang. Mit jedem „New Day Dawn“, also jedem neuen Tagesanbruch, besteht die Möglichkeit, Dinge aus der einen oder anderen Perspektive zu sehen. Wir sind jetzt im Jahr 2013 – und hey, wir sind immer noch da! Die Mayas mussten ihren Kalender irgendwann eben mal zu Ende schreiben (lacht). Aber ich habe schon das Gefühl, dass die Menschheit gerade in so etwas wie eine neue Episode eintaucht, dass sich vieles im Umbruch befindet und von „Neuanfang“ die Rede ist. Für mich persönlich, für mein Umfeld und auch global gesehen, fand ich, dass 2012 eher ein Jahr der Negativ-Schlagzeilen war. Ich wollte ein Zeichen setzen mit „New Day Dawn“ und das Positive wieder hervorheben, ohne die rosarote Brille aufzusetzen.

Es gibt einfach Strömungen, die mir Hoffnung machen: Es gab noch nie so viele freidemokratisch gewählte Länder, es wurden noch nie so viele Diktatoren gestürzt, wir haben ein ganz anderes Bewusstsein für unseren Planeten Erde. Der Rhein ist auf einmal wieder sauber, der Wald ist gesünder geworden, Rauchen ist nicht mehr cool, als Vegetarier ist man auch kein Exot mehr: Es gibt Strömungen, die mir gefallen. Die Armut ist natürlich immer noch viel zu groß, der Zugang zu Wasser immer noch viel zu gering - aber größer als noch vor einigen Jahren. Es gibt Strömungen, die mir auf jeden Fall Hoffnung machen.

"Wir müssen entschleunigen"

Gentleman im exklusiven Interview
Rückzugsort Jamaika. Hier schaltet Gentleman in Ruhe ab - auch das TV, Radio, Internet und Handy. "Alle hacken auf ihren Smartphones rum, aber ob die uns jetzt smarter machen, sei mal dahingestellt …!"

„You Remember“, deine Singleauskopplung, beschäftigt sich damit, Dinge zu hinterfragen, vor allem die Informationskultur der Neuen Medien - und die damit verbundene wachsende Unpersönlichkeit. Ist das Informationszeitalter Fluch oder Segen?

Gentleman: Das ist eine der meistgeführten Debatten überhaupt. Es gibt für beide Seiten Argumente, und die Frage wird sich nie auflösen. Aber die Debatte gab es auch schon vor dem Internetzeitalter: Waren wir früher glücklicher? Ist Fortschritt Fluch oder Segen? Es ist beides, die Frage ist nur: Wie gehen wir damit um? Im Song geht es um Dinge aus der Vergangenheit, die ich vermisse, und um Dinge der Gegenwart, die ich schätze.

… zum Beispiel?

Gentleman: Ich vermisse in dieser globalisierten, immer technologischer werdenden Welt das Individuelle, das Persönliche. Und diese ewige Erreichbarkeit! Dass man nicht mal einen einzigen Gedanken zu Ende führen kann, ohne unterbrochen zu werden. Dieser unglaubliche Speed, gleichzeitig aber auch die Chancen und Möglichkeiten, die wir vorher nicht hatten. Zum Beispiel, dass Wahrheiten nicht mehr so einfach unter den Tisch gekehrt werden können, dass Information zugänglich ist für Menschen in Regionen, wo das vorher nicht der Fall war. Was dazu führt, dass, wenn Informationen richtig gefiltert werden, eine Bildung da ist - die wiederum dazu führt, dass Revolutionen ausgelöst werden können, etwa in den arabischen Ländern. Auch hier: New Day Dawn! Es gibt also starke positive und starke negative Seiten, und ich finde, wir müssen einfach ein wenig entschleunigen und kritisch bleiben. Ich finde auch gut, dass wir beide hier sitzen und das Interview persönlich führen. Wir hätten ja auch skypen können. Ich rufe z.B. lieber jemanden an, als dass ich eine SMS schicke. Ich schreibe meine Texte auch lieber mit der Hand als sie im Laptop einzugeben.

Das scheinen viele Musiker gerne zu tun. Der berühmte Notizzettelblock mit den Songnotizen …

Gentleman: Dazu gehöre ich auch, auf jeden Fall. Ich bin zwar ein Postkartenmuffel, habe nie groß Briefe geschrieben, außer ein paar Liebesbriefe, aber ich finde, es ist so etwas ganz Persönliches, die eigene Handschrift. So etwas muss bleiben.

Wie setzt du das um, wenn du, wie du sagst, nicht gerne Briefe schreibst?

Gentleman: Ich schreibe Tagebuch. Also nicht jeden Tag. Vielleicht eher ein Wochenbuch. Oder Monatsbuch. (lacht)

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