Gentleman hat für sein neues Album 'Conversations' mit Bob Marleys Sohn Ky-Mani zusammengearbeitet

Gentleman
Gentleman ist ein Suchender. Foto: Paul Zinken © DPA

Gentleman trägt schwarz. Schwarzes Cap, schwarzes Shirt, schwarze Stiefel. Und der 41-Jährige wirkt nachdenklich, als er bei einem Kaffee in einem Berliner Hinterhof über die Welt und sein neues Album "Conversations" spricht, eine Zusammenarbeit mit Ky-Mani Marley.

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Der Kölner Reggaestar hat noch nie mit Sozialkritik gegeizt. Aber sein grenzenloser Optimismus, der ist verflogen. "Ich glaube nicht mehr daran, dass wir alle in Frieden leben werden. Die Hoffnung ist leider gestorben", sagt Gentleman. Das merke man auch dem Album an: "Es ist überhaupt nicht 'Alles wird gut'." Von wegen Gute-Laune-Musik.

Ein düsteres Album ist "Conversations" dennoch nicht geworden. Immerhin gebe es ja immer zwei Seiten, sagt Gentleman, da müsse man die Stimme für das Gute erheben. "Es läuft gerade so viel schief in der Welt, aber in dem Moment, in dem wir es ansprechen und drüber reden, hilft das schon mehr als es totzuschweigen." Anders als zu seinen Anfängen wirkt diese Haltung jedoch eher dem Trotz geschuldet, denn der Zuversicht. "Wenn wir resignieren und keine Musik mehr machen und wegen einer Bombendrohung nicht mehr zum Fußballspiel gehen und nicht mehr lachen, dann ist es vorbei."

Was die Gesellschaft in den vergangenen Jahren verlernt habe, sei die Bereitschaft zum Dialog, zum Zuhören. "Nicht nur an der Oberfläche kratzen, sondern etwas auch mal richtig durchleuchten." Das neue Album enthält daher neben dem Erwartbaren - 14 Songs, die jeden Reggae-Fan zufriedenstellen - auch vier Skits, in denen sich Gentleman und Ky-Mani über den Wandel der Zeit unterhalten.

Schon früher hat Gentleman die Oberflächlichkeit etwa im Internet kritisiert. "Am Anfang habe ich auch einen Song gegen Facebook geschrieben und war eher der Anti-Internet-Typ." Das habe sich mittlerweile geändert. Dafür spürt Tilmann Otto, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, immer mehr die persönlichen Belastungen des Tourlebens. "Ich hatte früher so 100 Konzerte im Jahr, dazu kommen die Reisetage, weil viele Konzerte im Ausland sind. Das schlaucht mit 41 dann schon mehr als mit 23, das stelle ich gerade fest."

Überhaupt, ständig auf Achse zu sein, das nervt auch. Denn Heimat, das ist für Gentleman immer noch Köln, wo er Familie, Freunde und Bekannte hat - trotz der vielen Flüge, bei denen Frau und Tochter an seiner Seite sind. "Dieses Gefühl, entwurzelt zu sein: Man kommt gerade an und wird wieder rausgerissen. Das ist belastend." Auf dem neuen Album findet sich mit "Mama" auch eine Hymne an die Familie.

Mit Ky-Mani hat Gentleman immerhin einen neuen Freund an seiner Seite, wie er sagt. Einen faszinierenden dazu: Ky-Mani ist eines der vielen Kinder des legendären Bob Marley. "Bob hat gezeigt, dass Musik viel mehr als Amusement ist, dass es eine unglaubliche Kraft haben kann. Von seinem Wesen her und was er politisch bewirkt hat", sagt Gentleman mit Bewunderung. Ky-Mani habe davon viel geerbt, auch stimmlich: "Es ist unglaublich, wie stark der Gesang da in den Genen ist." Für Ky-Mani sei der berühmte Vater sicher auch eine Belastung. Dennoch sei der Jamaikaner, der nur ein Jahr jünger ist als Gentleman, auf dem Boden geblieben und sehr bescheiden.

Für das Album bedeute das, dass sich die Last auf mehrere Schultern verteile. Dann probiere man mehr aus und traue sich mehr. Heißt: Im Vergleich zu seinen jüngsten Soloalben macht Gentleman wieder mehr Roots Reggae als Dancehall. Wo Marley draufsteht, ist Marley drin.

Als den deutschen Reggae-Botschafter sieht sich Gentleman allerdings nicht. "Ich bin kein Botschafter, weil ich kenne ja die Botschaft nicht." Er sei doch selbst ein Suchender. "Immer, wenn ich das Gefühl habe, ich habe was gefunden, dann ist es morgen wieder weg. Oder wenn ich das Gefühl habe, ich bin ganz nah dran, dann verlier ich es wieder. Ich bin ja auch voller Zweifel." Auch das Kiffen, das er eigentlich irgendwann abgehakt hatte, ist für ihn kein Tabu mehr.

Die eine Wahrheit, das Prinzip, die ultima ratio - darum geht es Gentleman nicht mehr. Nur für das Gute sollte man trotzdem einstehen: "Jetzt müssen wir erst recht unsere Stimme erheben."


dpa

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