Ganz schön harterTobak: 'Jud Süß'

'Jud Süß': Moritz Bleibtreu als Nationalsozialist Joseph Goebbels

Ganz schön harterTobak: 'Jud Süß'

Schwerer Stoff: ‚Jud Süß – Film ohne Gewissen’, eine deutsch-österreichischer Koproduktion, erntete bei der Pressevorführung reichlich Buhrufe. Selbst bei der Pressekonferenz tat der eine oder andere Journalist laut seinen Unmut kund, als Regisseur Oskar Roehler mit seinen Hauptdartellern Moritz Bleibtreu, Martina Gedeck und Tobias Moretti den Saal betrat.

Roehler hat aber auch alles unternommen, um sein Publikum zu provozieren, auch wenn sich die erste halbe Stunde durchaus gefällig gestaltet. Sein Spielfilm erzählt, basierend auf wahren Gegebenheiten, von den Dreharbeiten von Joseph Goebbels’ erstem großen antisemitischen Propaganda-Film ‚Jud Süß’, geht mit der Historie aber reichlich fahrlässig um. Im Zentrum steht der österreichische Theaterschauspieler Ferdinand Marian (überzeugend und kraftvoll: Tobias Moretti), dem Goebbels (engagiert, aber zu satirisch: Moritz Bleibtreu) persönlich Ende 1939 die Rolle geradezu aufdrängt. Das bringt den begeisterten Mimen in Konflikte. Während seine jüdischen Kollegen mit Berufsverboten belegt oder gar in Lager abtransportiert werden, überlegt er, ob er den Part überhaupt annehmen soll. Schließlich soll er in die Rolle eines Juden schlüpfen, möchte aber ungern selbst für einen gehalten werden. Am Ende siegen sein eitles Ego und sein Geltungsdrang, und Marian macht sich vor, er sei Teil einer künstlerisch wertvollen Produktion.

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Der Film beweget sich im Closed-Shop der Nazi-Elite

Für Marians frustrierte Ehefrau Anna (gut, aber manchmal unterfordert: Martina Gedeck), die selbst jüdische Vorfahren hat und am liebsten auswandern würde, ist das ein größerer Affront als die zahlreichen Affären ihres Gatten. Aber Marian hat seinen Pakt mit Mephistopheles Goebbels schon geschlossen. ‚Jud Süß’ macht ihn nach der Weltpremiere in Venedig zwar über Nacht berühmt, aber er wird an der Last seines Films zerbrechen. Der Film dichtet ihm einen Freitod an, nachdem er angeblich von Goebbels fallengelassen wurde und den Gastod seiner Frau nicht verdaute.

Beim wahren Ferdinand Marian sah das allerdings ein bisschen anders aus: Er drehte noch zehn weitere Filme im dritten Reich. Von Karriereende also keine Spur. Ob Marian sich wirklich das Leben nehmen wollte oder einfach nur zu viel gesoffen hatte, bevor er ins Auto stieg, ist bis heute ungeklärt. Auch allerhand Nebenfiguren sind erfunden. Es ist ja an sich nichts Verbotenes, ein künstlerisch verfremdetes Spiel mit historischen Fakten zu betreiben. Aber dann muss man die Fiktion auch deutlich kenntlich machen. Es hätte der Rezeption des Films gut getan, wenn man die Figuren beispielsweise mit verfremdenden Pseudonymen versehen hätte. Charlie Chaplin heißt in ‚Der große Diktator’ ja auch Hynkel, und jeder weiß, dass er Hitler parodiert. So hätte man über Moritz Bleibtreus clowneske Goebbels-Darstellung vielleicht auch lachen können.

Die echte Marian-Gattin war übrigens Katholikin und auch nicht im KZ. Sie beging Selbstmord, allerdings nach Marians Tod. Was will Roehler damit bezwecken? Diese erfundenen Elemente erwecken nämlich kein bisschen Gefühl im Zuschauer. Dazu ist Martina Gedeck auf einmal einfach so raus aus der Geschichte. Anna wurde abtransportiert, erfährt man aus dem Dialog, genauso wie später die Nachricht von ihrem Tod. Keine dramatischen Szenen von der Deportation, auch die unangenehmen Details des erlogenen Heldentodes bleiben dem Zuschauer erspart. Marian hat längst ein neues Luder am Start – Gelegenheit für Roehler, dem Zuschauer noch ein paar Sexszenen aufzudrängen.

Überhaupt wird ein bisschen viel rumgehurt in diesem Film. Nach fünf Minuten hat Marian dem Dienstmädchen Britta (Anna Unterberger) schon an die Strapse gelangt, wenig später ein Groupie vernascht. Nur bei seiner eigenen Gattin ist der Schauspieler weniger triebig. Die arme Martina Gedeck muss sich ihm in Strapsen an den Hals werfen und ‚Fick mich’ rufen, und dann muss Tobias Moretti erst noch Hand an sich selbst anlegen, bevor er sie unter großem Getöse einmal quer durch den Salon beglückt. Ach, so genau wollten wir es gar nicht wissen. Wir hatten auch so verstanden, dass die Verzweiflung bei den Marians groß ist.

Wer sich dabei noch nicht fremdgeschämt hat, tut es spätestens bei Marians nächstem Quickie (oder war es doch der übernächste? Man kommt ja bei dem Frauenverschleiß kaum noch mit). Moretti nimmt während des Bombenalarms im Stehen die exaltiert vor Lust kreischende Gudrun Landgrebe vor einer offenen Dachluke. Die Peinlichkeit wird perfekt mit einem Flak-Gewitter, das wie billiges Feuerwerk aussieht. Rausschneiden hätte hier geholfen. Wäre ja alles nicht so schlimm, wenn neben all dem Sex (wohlgemerkt: nicht Erotik!) die politische und gesellschaftliche Realität nicht komplett ausgeblendet würde. Umgekehrt hätte es mehr Sinn gemacht. Das Gerammel kann sich der Zuschauer im Zweifelsfall besser selbst vorstellen als den draußen tobenden Krieg.

Wie’s draußen in Deutschland aussieht, erfahren wir nämlich gar nicht. Wir bewegen uns im Closed-Shop der Nazi-Elite, die den hinkenden und theatralisch die Arme ausbreitenden Goebbels wie einen Popstar feiert. Das hat oft etwas von einem Kammerspiel, das mit entsättigten Farben zumindest optisch was hermacht. Immerhin zeigt Roehler, welche indoktrinierende Wirkung der fertige Film, dessen Entstehungsprozess mit echten und nachgestellten Passagen erläutert wird, auf einen Trupp Soldaten hat. Langweilig ist es also bei Roehler nie. Nur wenn man genauer drüber nachdenkt, ist der Film einfach nicht gut für den Blutdruck.

Von Mireilla Zirpins

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