Fünf Fragen zum Saarland-"Tatort"

Fünf Fragen zum Saarland-"Tatort"
Devid Striesow lernt in seiner Rolle als Kommissar Jens Stellbrink die Gebärdensprache © SR/Manuela Meyer

Ungewohnte Einblicke gewährte der Saarland-"Tatort" am Sonntag und brachte dabei seinen Zuschauern die Welt der Gehörlosen ein klein wenig näher. Doch das ein oder andere Fragezeichen bleibt sicherlich zurück, denn einige Fachwörter und Fakten wurden nicht näher beleuchtet. Hier bekommen Sie die Antworten auf die fünf brennendsten Fragen: der Saarland-Krimi im Faktencheck.

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Einblicke in Gehörlosen-Welt

Können alle Gehörlosen lippenlesen?

Für normal hörende Menschen ist es schier unmöglich seinem Gegenüber von den Lippen abzulesen, zu sehr verlassen wir uns in aller Regel auf unser Gehör. Gehörlosen und hochgradig Schwerhörigen sind hingegen auf diese Technik angewiesen und können auch über einige Entfernung erkennen, was jemand ausgesprochen hat. Aber: Von den Lauten der deutschen Sprache lassen sich nur etwa 15 Prozent eindeutig erkennen, da viele Wörter zu ähnlich sind (z.B. Mutter und Butter). Dass Ben Lehner also während des Telefonats von Georg Weilhammer erkennen kann, dass dieser soeben eine Frau getötet hat und nun die Spuren verwischen soll, ist zwar nicht vollkommen unmöglich, aber extrem schwer.


Sind die Darsteller wirklich gehörlos?

Ja, sind sie! Benjamin Piwko (35), der im Film Ben Lehner verkörpert, ist während seines achten Lebensmonats aufgrund einer Virusinfektion ertaubt. Neben der Schauspielerei verdient sich Piwko heute als Kampfkunsttrainer seine Brötchen und leitet in Hamburg sogar seine eigene Schule. Auch Jessica Jaksa (19) - im Film als Bens Freundin Ambra Reichert zu sehen - ist im wahren Leben gehörlos. Sie besucht derzeit noch das Rheinisch-Westfälische Berufskolleg in Essen. Die Bildungseinrichtung ist die einzige Schule in Deutschland, die ihre Schüler in Gebärdensprache auf das Abitur vorbereitet.


Können Gehörlose zu Musik tanzen?

Kassandra Feldhausen, die gehörlose Tanzlehrerin, ist keine Erfindung des "Tatort"-Redakteurs. Im wahren Leben trägt Kassandra zwar den Nachnamen Wedel und kommt aus München, ist aber ebenso gehörlos und gleichzeitig professionelle Tänzerin. 2008 war sie sogar Europameisterin im Hip-Hop-Tanzen. Im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk erklärte die 29-Jährige ihre unglaubliche Fähigkeit: "Ich habe den Beat nicht mehr richtig wahrgenommen. Als ich dann die Hörgeräte ablegte, konnte ich den Rhythmus deutlich fühlen und meinen Tanz gut darauf abstimmen."


Gibt es wirklich eine spezielle Gehörlosen-Universitäten?

Ja, aber nur in den USA! Was es in Deutschland noch nicht gibt, ist in den Vereinigten Staaten bereits seit langem eine Institution: eine Universität speziell für Gehörlose. Auch Ambra träumte von einem Studium auf der berühmten Gallaudet University in Washington D.C., die es bereits seit 1857 gibt. Zunächst als Schule für Gehörlose gegründet, bekam sie 1986 bereits den Status einer Universität verliehen. Auch die Universitätsleitung ist weitestgehend mit gehörlosen Personen besetzt.


Was ist ein CI?

Ambra trägt teilweise ein CI, was ihre Hörfähigkeit verbessert. Darunter versteht man ein sogenanntes Cochlea-Implantat. Dabei werden in einer Operation unter anderem Elektroden in die Hörschnecke eingeführt, die den Hörnerv stimulieren sollen. Mehrere magnetische Spulen übertragen das Signal. Ein intensives, langes Hörtraining nach der Operation ist erforderlich, um die neuen Signale den bekannten Hörmustern zuzuordnen. Die Therapie hat dabei Ähnlichkeiten mit dem Erlernen einer Fremdsprache. Der Zeitraum, der für das Sprachverstehen benötigt wird, beträgt bei Kindern etwa zwei bis drei Jahre.



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