Friedlich und kein Gedränge - Neue Ordnung auf der Wiesn

183. Münchner Oktoberfest
Das Münchner Oktoberfest ist sogar mit einer Million Besucher weniger noch proppenvoll. Foto: Andreas Gebert © deutsche presse agentur
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"Braucht ihr einen Tisch?" In einer Gaststätte würde die Frage nicht überraschen - auf dem Oktoberfest schon. Wo Monate vorher Reservierungen für Tische im Internet für Hunderte Euro gehandelt werden, war am ersten Wochenende alles anders als sonst: freie Tische, leere Straßen.

Flaute auf dem größten Volksfest der Welt. Wahrscheinlich wird das am Ende die Gesamtbilanz drücken. Mehr als sechs Millionen Besucher gibt es seit Jahren. Aber die Festleitung fürchtet den Rückgang nicht. "Man hat auf der Wiesn auch mit fünf Millionen Besuchern eine stattliche Zahl. Alles über fünf Millionen ist eine erfolgreiche Wiesn", sagt Wiesnchef Josef Schmid.

Die Hauptschuld gibt die Festleitung dem miserablen Wetter an den ersten Tagen. Es schüttete wie aus Kübeln, statt Dirndl sah man Regenumhänge. Aber es ist nicht nur das. Viele haben lange überlegt, ob sie dieses Jahr auf das Volksfest gehen. Die Münchner Hotels hatten kurz vorher immer noch Zimmer frei, manche Schulklasse strich den Ausflug zum Oktoberfest. Schon früher haben Anschlagsängste Besucher ferngehalten. 2009 waren kamen nach Drohungen des Terrornetzwerks Al-Kaida nur 5,7 Millionen Menschen, 2001 waren es nach den Anschlägen von New York 5,5 Millionen.

In diesem Jahr rückte die Bedrohung näher. Der Amoklauf mit zehn Todesopfern in München Ende Juli hatte die Stadt in einen Ausnahmezustand versetzt; Anschläge in den bayerischen Städten Würzburg und Ansbach beunruhigen die Menschen. Als Konsequenz steht die Wiesn unter den strengsten Sicherheitsvorkehrungen in ihrer mehr als 200-jährigen Geschichte. Große Taschen und Rucksäcke sind erstmals verboten.

Sogar im Ausland wurde über die neuen Maßnahmen berichtet. Die britische und die amerikanische Botschaft erklären auf ihren Internetseiten die neuen Bestimmungen.

Das Sicherheitskonzept sei viel zu strikt und habe die Besucher vergrault, empörten sich Schausteller nach dem verpatzten Wiesn-Auftakt. Fahrgeschäfte blieben im Regen fast leer. Manche hätten am ersten Wochenende nur 25 Euro Umsatz gemacht, berichtete Edmund Radlinger, Vorsitzender des Münchner Schaustellerverbandes. Existenzangst habe sich breit gemacht.

Die Stadt lenkt jetzt einen Besucherstrom direkt in Richtung Fahrgeschäfte - um die Massen insgesamt besser auf dem Gelände zu verteilen. "Die Situation der Schausteller ist schwierig", sagt Wiesnchef Schmid, der auch Zweiter Bürgermeister und Münchner Wirtschaftsreferent ist.

Mittlerweile strömen die Besucher bei Sonne und mildem Herbstwetter doch hinaus auf das Festgelände, aber es blieb bis Freitag beschaulich. "Ich fühle mich sicher", ist von vielen zu hören, die vor Wochen noch sagten: "Ich geh dieses Jahr nicht hin." Die Polizei marschiert in Trupps über das Festgelände, überall stehen Ordner.

Schon bei ein paar Rempeleien schreiten Sicherheitskräfte ein. Auf dem dunklen Hügel hinter den Zelten, wo sonst Betrunkene ihren Rausch ausschlafen und Paare mindestens heftig flirten, sitzen teilweise nur Grüppchen friedlich und sittsam. Auch hier patrouillieren die Ordner.

Kaum ein Zelt wegen Überfüllung geschlossen, wenig Gedränge - und nicht einmal an der berühmten Olympialooping-Achterbahn Schlangen für den besonders begehrten ersten Wagen. "Super", sagen viele. "Endlich wieder gemütlich." Vorher war es oft zu voll. "Ein paar Leute weniger schaden dem Fest nicht", sagt die ehemalige Wiesnchefin Gabriele Weishäupl. Sie hatte in ihrer mehr als 25-jährigen Zeit als Festleiterin dafür geworben, nicht für das Fest zu werben.

Eine Hauptsorge der Veranstalter war bisher die Überfüllung des Geländes. An manchen Wochenenden war es so eng, dass Rettungskräfte bei einer Evakuierung der Zelte kaum mehr durchgekommen wären. Im vergangenen Jahr etwa war die Wiesn zum Feiertag am 3. Oktober regelrecht überrollt worden. Die Stadt versuchte, Zugänge zu sperren. Doch die Ordner wurden der heranströmenden Massen kaum Herr.

Monatelang wurde danach über einen mobilen Zaun gestritten, um das Gelände in Stoßzeiten notfalls abzuriegeln. Befürchtung: Eine eingezäunte Wiesn könne an Flair verlieren. Nach dem Amoklauf und den Anschlägen in Bayern steht der Zaun nun tatsächlich, um die Kontrollen an den Zugängen zu ermöglichen. Wiesnchef Schmid ist auch hier zufrieden: Kaum jemand bemerke den Zaun hinter den Zelten. "Viele fragen: Wo ist denn der Zaun jetzt eigentlich?"


Quelle: DPA
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