Franz Beckenbauer: So viel Glück, so viel Leid

Franz Beckenbauer: So viel Glück, so viel Leid
Glückwunsch zum Geburtstag, Franz Beckenbauer © ddp images

Nichts ist mehr so wie es einmal war. Auf der Lichtgestalt Franz Beckenbauer lastet ein schwerer Schatten. Er hat den Tod seines Sohnes Stephan (46) nicht verwunden; erst Anfang August hat er ihn zu Grabe getragen. Der Schmerz sitzt tief, selbst wenn ihn das ganze Land ehren und herzen mag - Franz Beckenbauer ist wohl nicht nach Feiern zumute, auch nicht am 11. September, wenn er 70 Jahre alt wird.

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Der "Kaiser" wird 70 Jahre alt

So werden ihn die anderen würdigen, den "Kaiser", den unvergleichlichen. Die ARD zeigte bereits am Sonntag, den 6. September, um 21:45 Uhr die aufwändige Dokumentation von Thomas Schadt "Fußball - Ein Leben: Franz Beckenbauer". Und das Bayerische Fernsehen wird den 90-Minüter am Geburtstag selbst wiederholen (11.9. um 20:15 Uhr).

Es werden Glückwünsche und warme Worte für den bekanntesten lebenden Deutschen aus der ganzen Welt eintreffen, man wird einen Mann lobpreisen, der gerade den schwersten Schicksalsschlag seines Lebens zu verkraften hat. Und bei aller Empathie, die ihm aus allen Richtungen entgegenströmt - irgendwie will eine Tragödie wie der Tod des Sohnes nicht so recht zu dem Bild passen, das alle gemeinhin von Franz Beckenbauer verinnerlicht haben.

Er war doch immer wie kein anderer vom Glück verwöhnt. Er bewegte sich, so schien es, ausschließlich auf der Sonnenseite, und nicht wenige glaubten, er sei die Sonne selbst. So muss auch die Beckenbauer-Umschreibung "Lichtgestalt" entstanden sein. Der schottische Teammanager Andy Roxburgh sah ihn so: "Franz ist der einzige Mensch auf der Welt, der, wenn er aus dem Fenster springt, nach oben fliegen würde."

In der Tat haben die meisten seiner Lebenszüge einen ausgesprochen spielerisch-eleganten Charakter. Wo andere schwitzen, rackern, buckeln und sich quälen, da zelebriert er. Mit einem Lächeln auf den Lippen und einer unnachahmlichen Lässigkeit. Das war von Anfang an so.

 

Alles begann auf Giesings Höhen

 

Als Fünfjähriger kickte Franz, Sohn eines Postobersekretärs, in der "Bowazu"-Mannschaft. Das waren die Buben aus der benachbarten Bonifatius-, Watzmann- und Zugspitzstraße im Münchner Arbeiterviertel Giesing. Sein erster Verein: der SC 1906 München. Mit 13 sollte er zum TSV 1860, dem damals wichtigsten Club Münchens, wechseln. Bei einem Spiel gegen die Blauen bekam der Franz von einem 1860-Gegenspieler eine Ohrfeige, was weitreichende Folgen hatte. Der junge Beckenbauer ging nicht zu den "Löwen", sondern zum FC Bayern München.

 

Seine Erfolge in Zahlen

 

Als Spieler: Weltmeister (1974), Europameister (1972), Weltpokalsieger mit Bayern München (1976), 3 x Europapokalsieger der Landesmeister (Vorläufer der Champions League) (1974, 1975, 1976 mit Bayern München), Europapokalsieger der Pokalsieger (1967 mit Bayern München), 5 x Deutscher Meister (1969, 1972, 1973, 1974 mit Bayern München, 1982 mit dem HSV), 4 x DFB-Pokalsieger (1966, 1967, 1969, 1971 mit Bayern München), 3 x US-Meister (1977, 1978, 1980 mit Cosmos New York). Als Trainer: Weltmeister (1990), UEFA-Pokalsieger (1996 mit Bayern München), Deutscher Meister (1994 mit Bayern München), Französischer Meister (1991 mit Olympique Marseille). Als Funktionär: Fußball-WM 2006 in Deutschland.

 

Auch der Rubel rollte

 

Mit einem monatlichen Grundgehalt von 400 D-Mark fing 1964 alles an. Mit kleinen Schritten, die immer größer wurden, wurde Franz Beckenbauer durch den Fußball ein reicher Mann. Das Finanzportal vermoegen.org schätzt sein Vermögen, das er sich mit Einkünften als Sportler, Werbeträger und Medienexperte erarbeitet hat, auf über 100 Millionen Euro. Mit seiner Franz-Beckenbauer-Stiftung unterstützt er behinderte, bedürftige und unverschuldet in Not geratene Menschen. Seit 2013 ist er außerdem Botschafter des internationalen Kindersozialprojekts Football for Friendship.

 

Drei Ehefrauen

 

Von 1966 bis 1990 war er in erster Ehe mit Brigitte Beckenbauer (70) verheiratet. Von 1977 bis 1988 war die Fotografin Diana Sandmann seine Lebensgefährtin. Ehefrau Nr. 2 wurde die DFB-Sekretärin Sybille (67), die Ehe hielt bis 2004. 2006 heiratete Beckenbauer die FC-Bayern-Sekretärin Heidi Burmester (heute 46). Mit ihr lebt er in der Tiroler Gemeinde Oberndorf bei Kitzbühel, selbstredend am Kaiserweg, der allerdings nicht nach ihm, sondern nach dem Berg "Wilder Kaiser" benannt wurde.

 

Seine Kinder - und die Tragödie um Stephan

 

Sein ältester Sohn Thomas (52) ist Betriebswirt, Banker und Inhaber der Firma "Swiss Asset Management". Er verwaltet einen Teil des Millionenvermögens von Franz Beckenbauer. Thomas entstammt einer Liaison mit einer Versicherungsangestellten und wurde später von seinem Vater adoptiert. Von der ersten Ehefrau Brigitte bekam Franz Beckenbauer die Söhne Michael (49, Arzt) und Stephan (46). Mit der dritten Ehefrau Heidi hat der Kaiser einen 15-jährigen Sohn und eine zwölfjährige Tochter.

Stephan Beckenbauer war der einzige in der Familie, der dem großen Franz als Fußballer nacheiferte - eine schwere Hypothek für den jungen Mann. Anlässlich des 60. Geburtstags von Franz Beckenbauer schrieb er: "In den 25 Jahren, in denen ich Fußball gespielt habe, hat mein Vater vielleicht fünfmal zugeschaut." Beckenbauer Senior gab ihm recht: "Ich war ein schlechter Vater, weil ich nie da war", sagte er freimütig in einer TV-Runde. Stephan Beckenbauer wurde Jugendtrainer beim FC Bayern München und gewann 2001 und 2007 mit der U17 des Vereins die Deutsche Meisterschaft.

Der Kontakt zum Vater besserte sich und wurde intensiv, als bei Stephan vor zwei Jahren eine Krebserkrankung (Hirntumor) ausbrach. Zuletzt soll Franz Beckenbauer verzweifelt alles versucht haben, das Leben seines Kindes zu retten. Vergeblich.

 

Ein Lied ging um die Welt

 

Franz Beckenbauer war der beste Sänger der deutschen Nationalmannschaft. Das bekräftigte sein Fußballkollege Berti Vogts in einem Interview mit der "Zeit": "Gesanglich war er die absolute Nummer 1." Vor der WM 1978 hatte die deutsche Nationalmannschaft mit Udo Jürgens den Song "Buenos dias, Argentina" aufgenommen. Berti fand den Kaiser "einfach sensationell". Das mag an seiner Routine gelegen haben, denn bereits 1973 hatte der Musikproduzent Jack White mit der Nationalelf den Hit "Fußball ist unser Leben" aufgenommen, wobei der Franz die herausragende Rolle spielte. Offenbar waren für ihn die Aufnahmen Routine, denn er hatte schon 1966 mit seinem Song "Gute Freunde kann niemand trennen" beinahe die Hitparade erobert. Der Song schaffte es auf Platz 31.

Fünf Jahre später wirkte er in der TV-Komödie "Olympia-Olympia" mit. Bleibende Eindrücke hat Beckenbauer als Werbestar hinterlassen: sei es für Tütensuppen ("Kraft in den Teller - Knorr auf den Tisch". "Schmeckt prima, und so richtig kräftig, müssen Sie probieren!") oder für die Mobilfunknetzbetreiber O2 ("Da legst di nieder") und E-Plus ("Ja, is denn heut' scho' Weihnachten?").

 

Seine Sprüche

 

"Ich habe mal einen Stammbaum machen lassen: Die Wurzeln der Beckenbauers liegen in Franken. Das waren lustige Familien, alles uneheliche Kinder. Wir sind dabei geblieben." "Da ist man ein bisschen stolz, weil man auch etwas dazu beigetragen hat. Als Spieler, als Trainer, als Präsident und was weiß ich nicht noch was." "In einem Jahr hab ich mal 15 Monate durchgespielt." "Geht's raus und spielt's Fußball." "Ja gut, es gibt nur eine Möglichkeit: Sieg, Unentschieden oder Niederlage." "Damals hat die halbe Nation hinter dem Fernseher gestanden." "Die Schweden sind keine Holländer, das hat man ganz genau gesehen." "Der Holländer ist kein Brasilianer." "Das sind alles gute Fußballer. Nur: Sie können nicht Fußball spielen." "Schau'n mer mal!"

 

Der Kaiser - ein Gesamteindruck

 

"Wenn er erklärt, dass der Ball eckig ist, dann glauben ihm das alle", sagte mal Trainer Otto Rehhagel. Und die Münchner Schriftstellerin Franziska Sperr beschrieb Franz Beckenbauer wie folgt: "Vom Kicker aus dem Glasscherbenviertel zum Grandseigneur. Entspannt trägt er heute die Golfjacke, stilsicher das seidene Einstecktuch, die passende Krawatte. Er steht neben der Büste Kaiser Franz Josephs. Auf Augenhöhe, versteht sich. Es heißt, von diesem Foto, das ihn neben dem österreichischen Monarchen zeigt, habe er seinen Spitznamen: der Kaiser.

Des Kaisers publizistische Entourage, seine Hauszeitung, Fernsehmoderatoren und Interviewer, Kameraleute und Fotografen, viele haben voller Demut mitgebastelt an dem Münchner Gesamtkunstwerk. Stolz und schön (wird im Alter immer schöner), eindrucksvoll eloquent (wird im Alter immer beredter), hellsichtig (wird im Alter immer weiser), ein gütiger Patriarch (war auch schon über 60 bei der Geburt seiner letzten beiden Kinder).

In Österreich gab die Post 2006 eine Briefmarke heraus mit dem Porträt Beckenbauers von Andy Warhol gemalt. 75 Cent zu Franz' Ehren, bei Kaiser Franz I. waren es 10 Kronen. "Wer ko, der ko", sagt der Münchner mit Bewunderung. Wer kann, der kann.

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