'Fräulein Julie': Jessica Chastain überragt Colin Farrell

Fräulein Julie
Jessica Chastain brilliert als neurotische Liebhaberin (© Pretty Pictures)

2,5 von 5 Sternen

Nach dem Sci-Fi-Hit 'Interstellar', in dem sie neben Matthew McConaughey und Anne Hathaway überzeugte, liefert Jessica Chastain in Liv Ullmanns Drama 'Fräulein Julie' erneut eine emotionale Darbietung ab, für die die talentierte Schauspielerin nach ihren ersten beiden Oscarnominierungen für 'The Help' (2011) und 'Zero Dark Thirty' (2012) sicherlich wieder eine Nominierung verdient hätte. Mit ihrem ausdrucksstarken Spiel ist Chastain der große Lichtblick in einem Film, der ansonsten leider einige Längen aufweist und es trotz der tollen Leistung seiner Hauptdarstellerin leider nicht vermag, den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen.

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Von Ricarda Kuschma

Dabei bietet die Story einiges an Potenzial. Der Graf eines Landguts ist verreist und seine einsame Tochter Julie bleibt in einer magischen Mittsommernacht Ende des 19. Jahrhunderts alleine mit der Dienerschaft zurück. Gerade erst von ihrem Verlobten verlassen, sehnt sie sich nach Liebe und Bestätigung. Ihre Unsicherheit überspielt sie mit ihrer koketten und bestimmenden Art. Diese Fassade beginnt zu bröckeln, als ihr John (Colin Farrell, ‚Winter’s Tale‘), der Kammerdiener ihres Vaters seine Liebe gesteht. Aus einem anfänglichen Flirt zwischen der Adeligen und dem Diener wird eine stürmische Liaison, die sich nach und nach zu einem gefährlichen Machtkampf steigert. Zuneigung schlägt in Verachtung um und aus Begierde wird Selbsthass. Denn John, der ein stolzer und attraktiver Mann ist, verfolgt seine eigenen Ziele. Als ein ehrgeiziger Mann mit Ambitionen verspricht er sich eine Verbesserung seines gesellschaftlichen Status. Und da wäre auch noch die Köchin Kathleen (Samantha Morton, ‚Cosmopolis‘), die Johns Verlobte ist und die das erotisch aufgeladene Machtspiel beobachtet, bei dem es keinen Sieger geben kann.

Jessica Chastain brilliert als neurotische Liebhaberin

Fräulein Julie
Julie (Jessica Chastain) und John (Colin Farrell) spielen ein Machtspiel miteinander © Pretty Pictures

Während des Films merkt man allerdings recht deutlich, dass ein Theaterstück als Grundlage für das Drehbuch gedient hat. Denn 'Fräulein Julie' beruht auf dem 1889 uraufgeführten Kammerspiel des schwedischen Dramatikers August Strindberg. Der Film hält sich (leider) auch strikt an die drei Einheiten des klassischen Dramas: Zeit, Ort und Handlung. Die Tatsache, dass die Handlung nur an einem Tag ohne Zeitsprünge spielt und es nur drei Protagonisten ohne Nebenhandlungen gibt, macht den 129-minütigen Film daher ziemlich monoton und langatmig. Die viel zu kurzen Ortswechsel in den Park, in den sich das ungleiche Paar zurückzieht, sorgen buchstäblich für frische Luft und wirken regelrecht befreiend. Diese Anpassung an den Aufbau eines klassischen Dramas hat zur Folge, dass die Handlung alleine von den Protagonisten getragen wird. Dabei wirkt Farrell neben seiner Schauspielkollegin, die mit ihrer Interpretation der verzweifelten und neurotischen Julie brilliert, teilweise etwas blass.

Aber auch die starke darstellerische Leistung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Motivation der Protagonisten oftmals nicht richtig deutlich wird. Wieso nimmt die Handlung so plötzlich ihren Lauf und was bringt die Figuren dazu, ihr Verhalten und Ansichten innerhalb eines Tages komplett zu ändern? All diese Fragen werden nicht zufriedenstellend beantwortet. Die Emotionen der Protagonisten sind sehr widersprüchlich und sprunghaft, wechseln von Liebe zu Hass innerhalb kürzester Zeit. Als Zuschauer kann man den Empfindungen kaum folgen und die schnellen Gefühlswandel nicht immer nachvollziehen, weshalb eine emotionale Beteiligung ausbleibt. Ein Grund dafür ist auch die fehlende Leidenschaft zwischen Julie und John. Zärtliche Momente und Romantik kommen zu kurz, so dass der dramatische Ausgang des Films unersichtlich bleibt. Insgesamt gelingt es Ullmann nicht, der filmischen Adaption des Kammerspiels neues Leben einzuhauchen. Wer also das Original bereits auf einer Theaterbühne gesehen hat, kann auf die Kinoversion verzichten. Fans von Jessica Chastain dürften aber bei der Betrachtung des psychologischen Spiels um Macht und Begierde auf ihre Kosten kommen.

Kinostart: 22. Januar 2015

Genre: Drama

Originaltitel: Miss Julie

Filmlänge: 129 Minuten

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