Filmkritik zu 'Die Mannschaft': Gute Freunde kann niemand trennen

Die Mannschaft

Kinostart: 13.11.2014

3,5 von 5 Punkten

Zugegeben: Ich bin eine Frau. Das heißt, meine emotionale Grenze ist in der Regel bei so manchem Film schneller erreicht als bei meinen männlichen Kollegen. Aber ich bin auch Fußball-Fan. Und als dieser ist der Dokumentarfilm 'Die Mannschaft' über den WM-Triumph unserer Nationalmannschaft im Sommer in Brasilien quasi Pflichtprogramm. Es ist ein gefühlsbetontes Eintauchen in eine Zeit, die man schwer begreifen konnte und die durch 90 Minuten Kinoerlebnis näher an die Fans heranrückt. Denn wohl jeder Zuschauer im fernen Deutschland fragte sich: Wie erleben unsere Jungs eigentlich die Zeit in Brasilien? Was wird besprochen, wenn sich Jogi Löw und sein Trainerteam ins stille Kämmerlein zurückziehen? Und geht es wirklich so locker zu im DFB-Camp im 'Campo Bahia'?

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Von Janina Lenz

Die Antwort gibt 'Die Mannschaft' selbst. Nach Sönke Wortmanns faszinierendem Film 'Deutschland. Ein Sommermärchen' entschloss sich der DFB, die Euphorie von 2006 noch einmal aufleben zu lassen und einen weiteren Film über die erwachsen gewordenen Schweinis, Poldis und Co. in die Kinos zu bringen. Schließlich hatten die Jungs den Titel mit nach Hause gebracht und waren ohnehin ständig von Kameras begleitet worden. Und ein Film mit Happy End ist sowieso schöner – auch wenn jeder Zuschauer schon vor dem Filmstart das Ende kennt.

Am Anfang steht dann, was noch immer nicht alle begriffen haben – selbst die nicht, die live dabei waren: Der sagenhafte 7:1-Sieg unserer Kicker im Halbfinale gegen den Gastgeber Brasilien. Ungläubige Gesichter auf deutscher Seite, entsetzte Blicke auf brasilianischer. Dann ein kurzer Schwenk zu dem misslungenen Stolper-Freistoßtrick von Thomas Müller im WM-Achtelfinale gegen Algerien und eine ausschweifende Erklärung von Jogi Löw, warum er die vieldiskutierte Finte gut findet, den Zeitpunkt ihres Einsatzes aber sehr schlecht.

Dann geht es sehr chronologisch weiter: die Vorbereitung in Südtirol, die Reise nach Brasilien, alle Spiele der Gruppenphase, gefolgt von der K.O.-Runde und dem Sieg der WM. Es folgt die Feier in Brasilien, viel Lob von und auf alle Beteiligten und die große Party auf der Fanmeile in Berlin. Was hier in wenigen Sätzen beschrieben werden kann, wird in der Dokumentation mit schönen Bildern erzählt. Die Kamera ist dabei, wenn Jogi Löw sich morgens Zeit nimmt, um "Kraft für den Tag zu tanken", indem er barfuß am Strand entlangspaziert. Sie fängt mannschaftsinterne Aufstellungs-Skizzen ein und zeigt interne Spitznamen wie "Matze" und "Musti" – solche Namen, die noch nicht so präsent sind wie ebenjene Schweinis und Poldis.

Filmkritik zu 'Die Mannschaft': Gute Freunde kann niemand trennen Der Film gibt intime Einblicke in die Zeit der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien.

Doku trägt klare DFB-Handschrift – hat aber auch emotionale Momente

Doch genau diese beiden und auch ihre Mannschaftskollegen Lahm und Müller machen den Film aus. Dann nämlich, wenn die Nähe und Freundlichkeit zu den Brasilianern gezeigt wird. Da sieht der Zuschauer einen Lukas Podolski, der ganz selbstverständlich die Kinder einer brasilianischen Grundschule umarmt. Oder einen Bastian Schweinsteiger, der mit den Patáxo-Indianern tanzt. Und natürlich Thomas Müller, der eine verlorene Golfwette einlöst und seine Kollegen im Dirndl bedienen muss. Der Rest der Mannschaft macht das, was man von Fußballern erwartet: Sie kicken gemeinsam oder treiben irgendeinen anderen Sport in der trainingsfreien Zeit, hängen am Smartphone und schauen zusammen die Spiele der gegnerischen WM-Teams. Gute Freunde kann eben niemand trennen.

All dies wird untermalt mit schönen Bildern in Slowmotion, lauter gepegelten Tönen während der Siegtore und viel wohlklingender musikalischer Untermalung. Das ist oberflächlich. Zweifelsfrei. Aber nichts anderes sollte der Zuschauer erwarten. Denn schließlich trägt der Film die DFB-Handschrift und ist als PR zu verstehen: Wir haben nicht nur die beste Mannschaft des Turniers. Sondern auch das geilste Team. Und es gibt Szenen, die genau das einfangen. Zum Beispiel dann, wenn Mannschafts-Neuling Christoph Kramer nach dem 4:0-Auftakt-Sieg gegen Portugal auf der Fähre zurück ins Quartier die Schnulze "When you say nothing at all" von Ronan Keating zum Einstand singt. Und plötzlich alle einstimmen. Dann ist er da, dieser Moment. Für mehr aber, und das zeigt der Film, ist im Sport offenbar kein Platz.

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