Filmkritik 'The Wolf of Wall Street' - Kinostart: 16.1.2014

Leonardo DiCaprio in 'The Wolf of Wall Street'
Leonardo DiCaprio hält in 'The Wolf of Wall Street' nicht viel von Treue.

3,5 von 5 Punkten

Wer möchte heutzutage noch einen Film über die Schlechtigkeit von Börsenbrokern sehen? Da braucht man doch nur in die Filiale des eigenen Bankhauses zu gehen, meinen Sie? Nun ja, vielleicht ist 'The Wolf Of Wall Street' ja doch eine Überlegung wert, weil Leonardo DiCaprio unter der Regie von Martin Scorsese einen Trader spielt, gegen den sogar Michael Douglas' legendäre Figur Gordon Gecko aus 'Wall Street' wie ein Chorknabe wirkt und der DiCaprios eigenen 'Great Gatsby' wie einen bescheidenen Biedermann aussehen lässt – und ihm auch einen Golden Globe für als 'Bester Schauspieler in einer Komödie oder einer Mini-Serie' einbrachte.

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Zunächst wirkt alles wie ein billiges Klischee dessen, was Uneingeweihte unter dem Phänomen 'Wall Street' subsummieren: hemdsärmeliges Gefuchtel am Telefon, in der Pause Koks und Klosex und abends noch ein paar Pillen und Prostituierte. Doch dann dreht Scorsese, der seinen Erzähler Jordan Belfort (mit Begeisterung endlich mal versaut auf der Leinwand: Leo DiCaprio) gleich zu Beginn mit ein paar hübschen Einfällen als Angeber entlarvt, dem man nicht alles glauben darf, eine eindrucksvolle erzählerische Schleife: zurück in die 1980er, in denen Investmentbanking noch sexy war und in denen es trotz schlimmer Vokuhila-Frisuren und Mustermix-Synthetikpullis mehr zu sehen gab als heute im Zeitalter virtueller Wertpapiere.

An der Wall Street verbringt unser Protagonist dann auch nur genau einen Monat, wird als Branchengreenhorn von einem prototypischen Eighties-Aktienfuzzi (Matthew McConaughey mit schlimmer Frisur und noch schlimmeren Manierismen) in die Kunst des Koksens und die Wichtigkeit des Wichsens (ja, das ist leider stellenweise wirklich so platt und plakativ) eingewiesen, und dann wird das Bankhaus auch schon abgewickelt, und Jordan kann seine Friseusengattin nicht mehr ernähren. In einer windigen Spelunke lernt er, mit Pfennigspapieren richtig Kohle zu scheffeln und macht sich zusammen mit seinem halbseidenen Freund Donnie (herrlich in seinen Oversize-Pastellhemden: Jonah Hill) selbstständig. Im Nu scheffeln die beiden Milliarden, und während Donnie beim bieder-inzestuösen Verhältnis mit seiner Kusine bleibt, ersetzt Jordan die Haarschneiderin durch ein besser gebautes Society-Schneckchen (ein Hingucker: Newcomerin Margot Robbie) – und die Nutten durch andere Nutten.

Golden-Globes-Preisträger DiCaprio in Höchstform

Jonah Hill und Leonardo DiCaprio in 'The Wolf of Wall Street'
DiCaprio gibt mit seinem Filmpartner Jonah Hill an der Wall Street ordentlich Gas. © Mary Cybulski, Photo credit: Mary Cybulski

Der Zuschauer ahnt, dass das nicht den Rest der 180 (!) Minuten so weitergehen wird, hat man in den ersten zwei Stunden doch so zu viele nackte Hintern und zusammengerollte 100-Dollar-Noten gesehen, dass man sich einen reinigen Meltdown geradezu herbeiwünscht, damit dieser dauerbreite und dauergrinsende Jordan Belfort, dessen echte 'Memoiren' hier übrigens verfilmt werden, mal zur Räson kommt. Auch wenn man sich schwer tun darf, den charmanten Chauvi bei all seinen Verfehlungen sympathisch zu finden: Vieles an seiner exzessiv zur Schau gestellten Dekadenz ist unterhaltsam, vor allem weil Leo DiCaprio und Jonah Hill jede Sekunde ihrer zugedröhnten Tour de force zu genießen scheinen und weil sich Martin Scorsese allerhand inszenatorische Spielchen mit dem Zuschauer erlaubt.

Dennoch wird der Ton manchmal zu satirisch, das Ganze zu grellbunt und dann einfach auch zu redundant, um die vollen drei Stunden zu rechtfertigen. Andererseits bekommt man hier ein frivol-überdrehtes Sittengemälde geboten, dass man vom Scorsese und DiCaprio so nicht erwartet hätte. Wenigstens wiederholt sich das bewährte Duo in seiner fünften Zusammenarbeit nicht. Nein, Scorsese beweist nach 'Gangs Of New York', 'Catch Me If You Can', 'Departed' und 'Shutter Island' einmal mehr, dass er der Regisseur ist, der DiCaprio zu seinen besten und Golden-Globes-würdigen Darstellungen treiben kann – ob man den Film nun mag oder nicht.

Von Mireilla Zirpins

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