Filmkritik 'The Conjuring': Jetzt wird es richtig gruselig

The Conjuring - die Heimsuchung
'The Conjuring': Das Grauen hat Carolyn (Lili Taylor) fest im Griff. © Michael Tackett

4 von 5 Punkten

Eine Familie zieht in ein einsames Haus auf dem Land. Der Hund will gar nicht erst die Türschwelle übertreten. Und dann hallen in der Nacht unerklärliche Geräusche durch das Gebäude... Es ist schwierig, hier als eingefleischter Grusel-Fan ein Gähnen zu unterdrücken. Egal ob 'Amityville', 'Der Fluch' oder 'Haunted Hill' – die Reihe der Horrorhaus-Filme ist lang und 'Conjuring – die Heimsuchung' scheint dem Genre auf den ersten Blick nichts hinzufügen zu können, was man nicht schon unzählige Male anderswo gesehen hätte. Und der Zusatz 'nach einer wahren Geschichte' macht das alles nicht besser.

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Dass allerdings 'Conjuring' etwas Besonderes ist, zeigt schon die Tatsache, dass der Film in den USA keine Jugendfreigabe bekommen hat. "Warum? Sollte bei einem Horrorfilm doch so sein", denken Sie jetzt vielleicht. Doch Filme werden in den Vereinigten Staaten üblicherweise für unter 17-Jährige gesperrt, weil Tanklastwagen voller Blut ausgeschüttet oder Körperteile mit der Motorsäge abgesäbelt werden. Im Fall von 'Conjuring' allerdings sah der für die Altersfreigabe zuständige Verband MPAA einen anderen Grund: Der Film sei mit seinem enormen Schreckenspotential schlicht zu gruselig für ein junges Publikum.

Und das völlig zu Recht. Denn 'Saw'-Regisseur James Wan macht genau das richtig, was vielen Horrorfilmen fehlt: Er verzichtet weitestgehend auf sogenannte Jump Scares - plötzliche Schockmomente, in denen der Ton voll aufgedreht wird und die Kamera frontal drauf hält - und setzt stattdessen auf subtileren Grusel und gute Schauspieler in Form von Ron Livingston ('Band of Brothers') und Lili Taylor ('Public Enemies').

Die beiden spielen die Eheleute Roger und Carolyn Perron, die mit ihren fünf Töchtern in den Siebzigern auf Rhode Island in ein Landhaus mit finsterem Keller ziehen. Schon beim Einzug lässt der Regisseur die Kamera durchs Haus gleiten und durch den Holzrahmen des Fensters nach draußen schauen. Das erfüllt den Zuschauer mit einer düsteren Vorahnung: Hier ist noch etwas im Haus - und das macht bald auf sich aufmerksam. Zunächst bleiben nachts die Uhren stehen. Der schlafenden Tochter zieht jemand am Bein. Und ist im Kleiderschrank nicht zu hören, wie jemand atmet? Wan zeigt hier ganz bewusst weniger und überlässt es dem Zuschauer, sich auszumalen, was wohl noch im Raum lauern könnte. Das erzeugt Gänsehaut.

Beklemmende Atmosphäre trotz ungenierter Klauerei

Vera Farmiga als Lorraine Warren
Selbst Geisterjägerin Lorraine Warren (Vera Farmiga) bekommt es mit der Angst zu tun. © Michael Tackett

Als die Geschehnisse immer bedrohlichere Formen annehmen, weiß sich die Familie nicht mehr zu helfen und bittet das Dämonologen-Ehepaar Ed und Lorraine Warren (beide großartig: Patrick Wilson, 'Prometheus' und Vera Farmiga, 'Up in the Air') um Hilfe. Großer Pluspunkt: Die Geisterjäger fungieren nicht als überstarke Alleskönner, sondern stehen mit der Familie Livingston auf einer Ebene, als die unheimlichen Geschehnisse schließlich auch auf ihr Zuhause übergreifen und ihre eigene Tochter bedrohen. Und wenn schon die Experten dem Zuschauer keinen Halt mehr bieten, dann wird es wirklich gruselig.

Während Ed mit seinen technischen Gerätschaften versucht, dem mysteriösen Treiben auf die Spur zu kommen, fungiert Lorraine als eine Art Medium, das tote Seelen sehen kann – 'The Sixth Sense' lässt grüßen. Auch für viele weitere Klaus an anderen Genrevertretern ist sich Wan nicht zu schade, was man 'Conjuring' sicher ankreiden kann. Der Regisseur nutzt diese Anspielungen aber nicht als Selbstzweck, sondern als Konzept, um eine Stimmung des Schreckens und der Beklemmung aufzubauen, die dem Film in jeder Hinsicht dienlich ist. Der ist mit seiner knapp zweistündigen Spielzeit nämlich nicht nur länger als die meisten seiner jüngeren Genrevertreter, sondern auch weitaus gruseliger.

Von Timo Steinhaus

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