Filmkritik: 'Oldboy' - Filmstart: 05.12.2013

Josh Brolin als Joe Doucett in 'Oldboy'. Fotocredit: Universal Pictures
Josh Brolin hämmert sich als Joe Doucett in 'Oldboy' ins Abseits. Fotocredit: Universal Pictures

2,5 von 5 Punkten

Der koreanische Kult-Thriller 'Oldboy' von Kritikerliebling Park Chan-wook (‚Stoker‘, ‚Durst‘, ‚I’m A Cyborg, But That’s Ok‘) ist der US-Remake-Wut zum Opfer gefallen. Die Story ist fast dieselbe wie bei der Manga-Adaption vor zehn Jahren, doch die Vergeltungsaktion gerät unter der Fahne von Regisseur Spike Lee (‚Inside Man‘) zur Farce ohne Substanz.

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Will Smith lehnte ab, Daniel Craig ebenso. Und auch Größen wie Rooney Mara, Mia Wasikowska und Regisseur Steven Spielberg hatten keine Lust, sich am Remake des südkoreanischen Rache-Klassikers 'Oldboy' die Finger zu verbrennen. Doch weil die Amis so überhaupt nicht auf Übersetzungen stehen und sowieso am liebsten gleich alles selbst produzieren, und zwar mit in ihrem Land bekannten Gesichtern, ließ sich am Ende doch noch eine B-Besetzung breitschlagen. Leider. Denn das Remake ist nicht nur unnötig, Indie-Regisseur Spike Lee hat sich mit seiner Weichspül-Version auch noch ganz schön die Zähne am Original ausgebissen. Mit Zweite-Wahl-Besetzung lässt sich eben nur Zweite-Wahl-Kino machen.

20 Jahre lang wird Joe Doucett (mit vollem Körpereinsatz: Josh Brolin, 'True Grit', 'Men in Black 3') in einem Zimmer festgehalten. Über die Motive seiner Kidnapper tappt er im Dunkeln. Vollkommen isoliert von der Außenwelt muss Joe aus den TV-Nachrichten erfahren, dass seine Ex-Frau brutal vergewaltigt und ermordet wurde. Für den alkoholkranken Antihelden bricht eine Welt zusammen – zumal alle Indizien gegen Joe sprechen. Joe schwört Rache, sollte er seiner Gefangenschaft je entfliehen können.

Und tatsächlich: Nach zwei Jahrzehnten liegt er plötzlich samt Louis Vuitton-Truhe auf einer Wiese. Seine Peiniger haben ihn ziehen lassen. Aus heiterem Himmel. Aber nicht ohne Hintergedanken.

Unsympath Doucett muss schon bald feststellen, dass er nicht wirklich frei ist und die Realität weit komplizierter, als geahnt. Denn seine Tochter Mia schwebt in tödlicher Gefahr. Derjenige, der auch hinter dem Mord an seiner Ex und Joes Entführung steckt, hat es auf sie abgesehen. Mit der Sozialarbeiterin Marie (Elizabeth Olsen, ‚Martha Marcy May Marlene‘, ‚Silent House‘) und Kumpel Chucky (Michael Imperioli, ‚The Sopranos‘) startet Joe seinen Rachefeldzug, an dessen Ende ein alter Bekannter aus der Vergangenheit steht.

Streckenweise etwas einfallslos hangelt sich Spike Lee an den wichtigsten Knotenpunkten der ursprünglichen Story entlang, versäumt es dazwischen aber, das zu erschaffen, was das Original einst zum Klassiker mit riesiger Fangemeinde gemacht hat. Dass Lee keine 1:1-Kopie auf die Leinwand bringen, sondern etwas Eigenständiges und Neues kreieren wollte, sei lobend erwähnt. Mehr Martial Arts und Action, dafür weniger Kunstblut und Thrill - mehr Hollywood-Beliebigkeit eben. Ein Ansatz, der funktionieren kann. Doch leider hat der Filmemacher ausgerechnet jene Elemente ausgeblendet, die den Reiz von 'Oldboy' ausmachen. Wo bitte ist die legendäre Szene, in der Chan-wooks verstörter Protagonist ohne mit der Wimper zu zucken eine kopfgroße lebendige Krake vertilgte? Zwar ist Lees Version auch nicht gerade zimperlich, doch die Gewaltexzesse darin geraten zur reinen Effekthascherei, weil ihnen die tragische Tiefe fehlt.

Er gelingt Spike Lee nicht, die beklemmende Verzweiflung von 20 Jahren Gefangenschaft und Isolation heraufzubeschwören, die das Original stets an der Grenze zum Wahnsinn taumeln ließ. Außerdem verpasst er es, die Rachelust seines Protagonisten zu begründen einzufangen und über 104 Filmminuten zu konservieren. Gegen die düstere, rohe, und brutale Vorlage wirkt die neue Version fast distanziert, weniger blutrünstig, bisweilen sogar unfreiwillig komisch. Zum Beispiel, wenn sich Joe von Etage zu Etage kämpft und in bester Jackie Chan-Manier quietschbunte Gegner-Pulke weghämmert. Das hat was von einem Computerspiel. Endgegnermodus.

Was den Film aber letztendlich blutleer macht, ist Lees Versäumnis, das komplexe Psychogram eines Opfers zu zeichnen, mit dem die Zuschauer leiden, das sie mögen, und - wichtiger noch -, das sie verstehen können. Stattdessen verwendet er viel Energie darauf, Joe Doucett zu demontieren, seine schlechten Seiten mit grellem Scheinwerferlicht auszuleuchten. Säufer, mieser Vater, Macho. Kein Charakter, den man lieben kann. Dafür gibt Lee, anders als sein Vorbild, dem Zuschauer keine Rätsel auf. Wo Park Chan-wook dankenswerterweise Leerstellen ließ, ist Lee stets bemüht, sie mit Erklärungen und Rechtfertigungen zuzuballern. Der Rachefeldzug gerät so zur Farce ohne Substanz. Wer das Original nicht kennt, kann es sich auf DVD besorgen. Eingefleischte Fans der ersten Stunde können sich die Neuauflage sowieso sparen.

Von Christina Rings

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