Filmkritik 'Mandela - der lange Weg zur Freiheit'

von
Mandela Film
Mandela (Idris Elba) wird verhaftet

3 von 5 Punkten

Manchmal überholt die Realität die Fiktion von links – wie im Falle des Biopics ‘Mandela’. Endet der neueste Film über den Anti-Apartheid-Kämpfer noch mit Nelson Mandelas Wahl zum Präsidenten von Südafrika, ist der ‚Gigant der Gerechtigkeit‘, wie UN-Generalsekretär Ban Ki Moon ihn in seinem Nachruf nannte, einen Tag nach der Pressevorführung tot, verstorben mit 95 Jahren. Das ändert nichts am Film, der einfach nur mit dem 30. Januar 2014 plötzlich einen zu späten Starttermin hat. Aber er dürfte trotz einiger Schwächen auf einmal ein viel größeres Publikum finden, als sich Regisseur Justin Chadwick (‚Die Schwester der Königin‘) je träumen ließ.

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Denn wirklich etwas Neues hat das chronologisch erzählte Biopic dem Zuschauer mit guter Allgemeinbildung nicht zu erzählen. Für alle jedoch, die die südafrikanische Rassentrennung nicht bewusst miterlebt haben oder sich nach Mandelas Tod fragen, wie der Freiheitskämpfer gelebt hat oder etwas über die Umstände seiner 27 Jahre währenden Inhaftierung und seiner Freilassung erfahren möchten, sind die zweieinhalb Stunden vermutlich eine willkommene Geschichtsstunde mit bunten und bewegten Bilder, und genau dafür eignet sich die filmische Hommage ganz prima.

Manchmal holzschnittartig, aber atmosphärisch

Mandela Film
Altert nicht im Film: Winnie (Naomie Harris)

In der Lebensgeschichte des 1918 Geborenen, die mit Mandelas „Mannwerdung“ durch einen Initiationsritus seines Stammes der Xhosa beginnt, ragt vor allem einer heraus, nicht nur durch seine Köpergröße, sondern auch schauspielerisch: Mandela-Darsteller Idris Elba. Der 41-Jährige, zuletzt in ‚Prometheus‘ und ‚Pacific Rim‘ zu sehen, trägt mit seiner kraftvollen Darstellung spielend den ganzen Film, in dem zahlreiche Nebenfiguren wie Mandelas Mitstreiter oder seine zweite Gattin Winnie (‚Skyfall‘-Bondgirl Naomie Harris) eher holzschnittartig geraten sind. Dazu altert er auf äußerst überzeugende und wenig plakative Weise – sowohl von der Maske her als auch durch seine reifere und später tattriger werdende Gestik und Mimik. Dazu schafft Elba es spielend, die Entwicklung Mandelas vom engagierten Anwalt für die unterdrückte schwarze Bevölkerung, der zunächst eher als politischer Mitläufer gezeigt wird, zu einem der Anführer eines friedlichen Widerstands und schließlich zum Kämpfer im bewaffneten Untergrund psychologisch glaubhaft zu machen. Allerdings spart der Film vermutlich aus Gründen der dramaturgischen Vereinfachung aus, dass der echte Mandela schon als Student politisch aktiv war und rebellierte. Aber nun ja. Dafür fängt Chadwick das Lokalkolorit der Townships in den 1950er und 1960er Jahren atmosphärisch ein und zeigt auch bei den Massenszenen eine sichere Hand, auch wenn alles sehr konventionell gerät.

Dass sich das Drehbuch vor allem auf Nelson Mandelas eigene biografische Aufzeichnungen stützt, merkt man daran, dass kritische Töne fast ganz fehlen, die Ikone des friedlichen Widerstands stellenweise heldenhaft überhöht wird, aber genau das möchten die Menschen jetzt vermutlich auch sehen. Nur einmal darf Mandela seiner ersten Frau Evelyn fremdgehen und kassiert dafür Keile. Als die filmische Biografie nach etwas hastigem Abhaken der frühen Jahre endlich auf der Gefängnisinsel Robben Island angekommen ist, wo Mandela und seine Mitkämpfer wegen Sabotage und Planung bewaffneten Widerstands lebenslang einsitzen sollen, wird es endlich dichter und atmosphärischer, und Regisseur Chadwick kann seinen Trumpf Idris Elba in intensiven Szenen ganz ausspielen. Nelson Mandela selbst hat den fertigen Film nicht mehr sehen können, sondern bekam in seinem Haus nur vorab Auszüge gezeigt. Offenbar war er Anfang November 2013 schon zu schwach, um selbst zur Premiere in Johannesburg zu kommen.

Von Mireilla Zirpins

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