Filmkritik 'Jung & schön' - Kinostart: 14.11.2013

Marine Vacth in 'Jung & schön'
Entdeckung: Model Marine Vacth

4 von 5 Punkten

Marine Vacth, Hauptdarstellerin von François Ozons (‚8 Frauen‘, ‚Das Schmuckstück‘) neuem Frauenporträt, macht dem Titel wirklich alle Ehre. Wunderhübsch und unnahbar, unschuldig und doch verrucht spielt das Model mit bislang kaum Leinwanderfahrung (kleiner Part im französischen Film ‚Mein Stück vom Kuchen‘) gekonnt die 17-jährige Isabelle, Tochter aus gutem Hause, die sich in einem Internetportal als Edelprostituierte anmeldet. Das bringt die ganze Familie durcheinander, und den Zuschauer auch.

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Ist es die etwas lieblose Entjungferung durch einen ungeduldigen deutschen Halbwüchsigen im Familienurlaub, die Isabelle glauben lässt, dass man aus schlechtem Sex wenigstens Kapital schlagen sollte? Sind es das gestörte Verhältnis zu ihrem Erzeuger und ein schwacher Stiefvater, der die Schülerin ihr Glück bei älteren Männern suchen lässt? Oder hofft die Gymnasiastin, vom Sex mit erfahrenen Puffgängern profitieren zu können? Ums Geld jedenfalls kann es Isabelle kaum gehen – es landet eh im Kleiderschrank ihres Kinderzimmers. Als Zuschauer wird man diese Fragen nicht los, aber François Ozon begeht nicht den Fehler, sie mit billiger Küchenpsychologie zu beantworten. Er habe seine Figur selbst nicht ganz verstanden, wiegelt er in Interviews ab. Und so ist diese Enthaltung bei der Sinngebung vielleicht zugleich eine große Stärke und eine Schwäche des Films zugleich.

Stärke, weil Isabelles unglaublicher Tabubruch die bürgerliche Fassade ihrer Familie – und auch unsere eigene – so viel stärker ins Wanken bringt, gerade weil man ihren Schritt nicht versteht. Und eine Schwäche, weil man so natürlich nicht wirklich eine Figur hat, in die man sich hineinversetzen kann. Ozon bleibt bei seinen Beobachtungen immer an der schönen Oberfläche, die langsam Risse bekommt, auch wenn die zahlreichen Sexszenen mit Isabelles Freiern immer sehr ästhetisch inszeniert sind.

Ozon setzt ganz auf seine starken Frauen

Marine Vacth in 'Jung & schön'
Gibt uns Rätsel auf: Isabelle

So bleibt einem die gefühlskalte Isabelle in ihrer pubertierenden Trotzigkeit trotzdem immer sympathisch, selbst wenn sie das Klima daheim vergiftet, indem sie ihren kleinen Bruder zur Masturbation anstachelt und Unsicherheit und Unfrieden zwischen ihrer Mutter und deren Lebensgefährten stiftet. Gleichzeitig kann man verstehen, warum die erwachsenen Frauen in Isabelles Umfeld ihre Männer nicht mehr gern allein mit dem Teenager in einem Zimmer lassen, nachdem der ganze Skandal aufgeflogen ist.

Ozon setzt bei seinem einfühlsamen Porträt, das stets allen Figuren ihre Würde lässt, ganz auf den unverbrauchten Charme seiner bildschönen jungen Hauptdarstellerin, von der wir sicher noch mehr hören werden. Sie zieht den Zuschauer wirklich in ihren Bann, wozu Ozons chronologisch nach Jahreszeiten gegliederte Geschichte allein kaum das Zeug hätte. Einen weiteren starken Auftritt hat er für seine Lieblingsschauspielerin Charlotte Rampling (‚Swimming Pool‘) reserviert, die zeigt, dass man auch mit wenigen Minuten Leinwandpräsenz riesigen Eindruck schinden kann, wenn man schön, aber nicht mehr ganz so jung ist.

Von Mireilla Zirpins

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