Filmkritik 'Das Glück der großen Dinge' - Kinostart: 11.7.13

Das Glück der großen Dinge
Julianne Moore mit Filmtochter Onata Aprile © dpa, Pandastorm Pictures

4,5 von 5 Punkten

Paraderolle für Julianne Moore: Als schon leicht in die Jahre gekommene Rocksängerin, die ihr Kind vernachlässigt, kann man sich ihrem schillernden Spiel nicht entziehen, obwohl ihre Figur im Laufe des leisen Dramas von Scott McGehee und David Siegel (‚The Deep End‘) immer unsympathischer wird.

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Dabei sieht es am Anfang ganz so aus, als sei Moores etwas verlebte Rockerbraut Susanna das Opfer in der zerbrechenden Ehe mit Kunsthändler Beale (Steve Coogan). Als die Beziehung endgültig vorbei ist, bleibt den beiden Streithähnen nur noch das Gericht als Bühne für ihre Auseinandersetzungen. Nun zanken sie sich um das Sorgerecht für die sechsjährige Maisie (eine Wucht, obwohl sie den ganzen Film über kaum ein Wort spricht: Neuentdeckung Onata Aprile). Wunderbar lakonisch und einfühlsam wird aus der Perspektive der kleinen Maisie erzählt, wie sie entdecken muss, dass das hübsche Kindermädchen Margo (Joanna Vanderham) plötzlich in die Wohnung von Papa umzieht. Mama tobt. Insbesondere, als Papa die Kinderfrau gleich auch noch heiratet und damit bei Gericht einen erneuten Punktsieg davonträgt. Da holt Mama zum Gegenschlag aus und angelt sich in ihrer Stammkneipe den Barkeeper, einen jugendlichen Schönling (Alexander Skarsgård aus 'True Blood')…

Anrührend, aber nicht kalkuliert

Das Glück der großen Dinge
Julianne Moore, Onata Aprile und Alexander Skarsgård © dpa, Pandastorm Pictures

Bald wird klar, dass die beiden jugendlichen Lover, auch wenn sie vielleicht zunächst hauptsächlich aufs Geld von Maisies Eltern scharf waren, nicht halb so verkehrt sind wie die beiden egoistischen New Yorker Yuppies, denen es nie, aber auch wirklich nie um das Wohl ihres Töchterchens geht und die munter um die Welt jetten. Sie haben sich jeweils was Junges Gutaussehendes geangelt, das als Statussymbol dienen und ihnen auf den Nachwuchs aufpassen soll.

Zunehmend erschüttert folgt man als Zuschauer dem täglichen Kampf der Sechsjährigen ums emotionale Überleben. Denn Geld hat die Familie genug. Nur will keiner das vor Gericht so hart erkämpfte Sorgerecht wirklich ausüben. Maisie wird im Taxi zwischen den sündhaft teuren Lofts hin- und hergefahren. Ihre Kinderzimmer quellen über von Spielzeug. Der in warmen Farben eingefangene materielle Überfluss kontrastiert jäh mit der emotionalen Kälte der Eltern und Maisies Einsamkeit, die die kleine Onata Aprile ergreifend allein über ihre Mimik transportiert.

Den Filmemachern gelingt das Kunststück, nicht zu sehr auf die Tränendrüse zu drücken, in dem sie auf allzu kalkulierten Einsatz von Musik verzichten. Durch die Perspektive des unschuldigen Kindes, das nichts Böses in seinen Eltern vermutet, wird die Erzählung allen Beteiligten gerecht, ohne einseitig zu verurteilen und wirkt dabei umso grausamer. Kaum zu glauben aber ist, dass die Buchvorlage aus dem Jahre 1897 stammt: ‚What Maisie Knew‘ von Henry James! Behutsam modernisiert hat die eiskalt sezierende Beobachtung des Verfalls einer Society-Familie nichts an Gültigkeit verloren. Ein sehenswerter und berührender kleiner Film, bei dem wirklich alle Schauspieler Großes leisten.

Von Mireilla Zirpins

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