Filmkritik 'Cake': Jennifer Aniston mit Mut zur Hässlichkeit

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Jennifer Aniston in 'Cake'
Jennifer Aniston: hätte eine Oscar-Nominierung verdient

3,5 von 5 Punkten

Aufgedunsen, das Haar fettig und strähnig, die Haut matt und voller Narben, der Blick stumpf - so haben wir Jennifer Aniston noch nie gesehen. Die attraktive Schauspielerin, die seit ihrem Durchbruch mit der Serie ‚Friends‘ auf kumpelhafte Schönheiten in manchmal recht seichten Komödien abonniert war, versucht mit dem düsteren Drama ‚Cake‘ einen radikalen Imagewechsel. So kaputt muss sie aber auch aussehen, um ihre Figur Claire Bennett, die vom Schicksal gezeichnet ist und nicht recht ins Leben zurückzufinden scheint, glaubhaft zu verkörpern.

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Wir sehen Claire, wie sie sich mit ihrem geschundenen und versehrten Körper und mit stets hängenden Mundwinkeln durch ihren tristen Alltag schleppt. Ihr Mann hat sie offenbar gerade verlassen, fast widerwillig tröstet sie sich mit lieblosem Gelegenheitssex, der für den Zuschauer schwer zu ertragen ist. Einer Arbeit geht sie nicht nach, sie hinkt, dröhnt sich mit Tabletten und Alkohol zu und eckt überall an mit ihrer barschen Art. Als sich eine Teilnehmerin aus ihrem Schmerzpatienten-Zirkel, das Leben nimmt, gerät Claires Welt noch mehr aus den Fugen.

Mit ihren unpassenden Kommentaren provoziert Claire ihren Rauswurf aus der Selbsthilfegruppe, dann hat sie Wahnvorstellungen, in denen ihr die tote Nina erscheint und sie in den Tod zu ziehen scheint. Es ist eine kluge Idee von Regisseur Daniel Barnz (‚Beastly‘), die Erscheinung der Nina nicht geisterhaft darzustellen, sondern mit der grell geschminkten und knatschbunt gekleideten Anna Kendrick (‚Twilight‘, ‚Up In The Air‘) einen Kontrapunkt zur bräunlich-düsteren Depri-Welt Claires zu setzen. So wirkt Ninas Dauergrinsen im überschminkten Gesicht doch gespenstisch.

Jennifer Aniston in 'Cake'
Jennifer Aniston in 'Cake' Mut zur Hässlichkeit in düsterem Drama 00:01:38
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Jennifer Aniston in ungewohnter Rolle

Jennifer Aniston und Adriana Barraza in 'Cake'
Gutes Team: Jennifer Aniston und Adriana Barraza © dpa, Tony Rivetti Jr,Smpsp

Claire versucht, sich ins Leben von Ninas Familie einzuschleichen. Der verzweifelte Witwer Roy (bodenständig, aber unterfordert: Sam Worthington aus ‚Avatar‘) durchschaut das zwar, lässt sich aber trotzdem darauf ein, weil er die gestörte Frau sympathisch zu finden scheint. Das ist für den Zuschauer nicht ganz nachvollziehbar, denn Jennifer Anistons Claire ist bewusst nicht als Figur zum Liebhaben angelegt. Zunächst scheint nichts wirklich nett an ihr zu sein, so ruppig und herablassend behandelt sie beispielsweise ihre treu sorgende Haushälterin Silvana (Adriana Barraza aus ‚Babel‘, die hier eine erstklassige Vorstellung als gute Seele des Films abliefert). Erst als wir erfahren, was sie zum seelischen und körperlichen Wrack gemacht hat und Claire erstmals Anzeichen von Menschlichkeit zeigt, kann man sich als Zuschauer ein wenig auf diese sperrige Person einlassen.

Das hält den Zuschauer extrem auf Distanz und ist ein mutiger Schachzug vom Regisseur und seiner betont gefühlskalt agierenden Hauptdarstellerin. Im Hollywood-Durchschnittsdrama bringen sonst Streicherquartette und menschelnde Darstellungen das Publikum zum Weinen. Jennifer Aniston meistert diese schwierige Aufgabe mit Bravour - und völlig ohne jegliche Eitelkeit. Sie ist es, die dieses dramaturgisch nicht immer ausgereifte Drama sehenswert macht.

Warum haben wir sie noch nie in solchen Rollen gesehen? Nun, Hollywoods-Studiobosse verfahren gern nach der Maxime: Never change a winning concept. Und so ist es kein Zufall, dass Jennifer Aniston an diesem Film als Produzentin beteiligt ist, denn wie ihre Kollegin Reese Witherspoon hat sie erkannt, dass man nur so als Frau jenseits der 35 gute Filmrollen ergattert. Das lässt hoffen, dass wir bald mehr solche starken Vorstellungen von Jennifer Aniston zu sehen bekommen, auch wenn sie vielleicht ein bisschen schmollt, dass sie bei den Oscar-Nominierungen zu Unrecht übergangen wurde.

Kinostart: 9. April 2015

Genre: Drama

Originaltitel: Cake

Filmlänge: 102 Minuten

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