Filmkritik 'Before Midnight': Quasseln, bis Schluss ist?

Julie Delpy und Ethan Hawke
Bringen Céline (July Delpy) und Jesse (Ethan Hawke) ihre Liebe in Gefahr?

4 von 5 Punkten

Erinnern Sie sich noch, wie Julie Delpy und Ethan Hawke 1995 mit ‚Before Sunrise‘ eine ganz neuartige Liebeskomödie wagten? Unter der Regie von Richard Linklater durften die beiden als blutjunge Stars in Wien mehr quatschen als in einem Film von Eric Rohmer, und der Zuschauer blieb verzückt, aber mit vielen Fragen zurück: Hatten die beiden liebenswerten Rucksackreisenden Jesse und Céline es vor Sonnenaufgang noch getan oder nicht, und würden sie sich je wiedersehen? Treue Fans bekamen diese Fragen in ‚Before Sunset‘ beantwortet : Ja, sie hatten, und ja, sie würden es am Ende des zweiten Streifens wieder tun – diesmal verpasste Jesse in Paris absichtlich den Flieger zurück in die USA – und zu Frau und Kind.

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Neun Jahre und zwei gemeinsame Kinder später laden uns Ethan Hawke und Julie Delpy, die seit Teil 2 gemeinsam mit Richard Linklater die Drehbücher schreiben, wieder ein, für fast zwei Stunden Mäuschen zu spielen im Leben des schreibenden Schluffens Jesse und Möchtegern-Emanze Céline. Die beiden verbringen ihre Patchworkfamilien-Ferien auf einer griechischen Insel. Gerade hat Jesse seinen mittlerweile halbwüchsigen Sohn aus erster Ehe zum Flughafen gebracht, und als Zuschauer windet man sich vor Fremdscham im Kinosessel, so ungeschickt stellt sich Jesse als Vater an. Schonungslos langatmig fängt Linklater das Scheitern einer Vater-Sohn-Fernbeziehung ein, und es wird noch viel entlarvender für den armen Jesse.

Filmtrailer 'Before Midnight'
Filmtrailer 'Before Midnight' Ab 6. Juni 2013 im Kino 00:02:06
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Julie Delpy und Ethan Hawke
Ethan Hawke und July Delpy in 'Before Midnight'

Draußen wartet seine neue alte Liebe Céline mit den gemeinsamen Zwillingsmädchen im Auto. Kaum hat man sich gefreut, dass es für die beiden im zweiten Anlauf doch noch eine gemeinsame Zukunft gibt, ist diese schon wieder in Gefahr. Geplagt von seinem schlechten Gewissen erwägt Jesse in einem Nebensatz, mehr Zeit mit seinem Sohn aus erster Ehe verbringen zu wollen. Da wittert Céline Gefahr für ihr Liebesglück. Will Jesse sie etwa wieder in die USA verfrachten, sie dazu zwingen, in der Nähe seiner eifersüchtigen und verlassenen Ex zu leben, in einem Land, das Céline im Laufe des Gesprächs immer abgrundtiefer zu hassen scheint? Und am Ende der Autofahrt schwant dem Zuschauer, dass Céline mit ihrer Prophezeiung, man könne eine Beziehung durch ein einziges Gespräch zugrunde richten, Recht haben könnte.

Trotz allen Humors – und es gibt hier wirklich reichlich zu lachen, auch wenn es bisweilen ein wenig zu gewollt zotig wirkt - nimmt Jesses und Célines Dauerquasseln eine negative Fahrtrichtung auf. Und obwohl die beiden in der zweiten Hälfte des Films sogar von Freunden eine kinderfreie Nacht im Hotel spendiert bekommen, sind sie in der Lage, das Ganze derart zu zerreden, dass man als Zuschauer ahnt, dass es vielleicht nie einen vierten Teil geben wird.

Denn obwohl sich vermutlich jeder Zuschauer zwischen Mitte 30 und Mitte 40 mindestens ein paar Mal höchst unangenehm getroffen fühlt von den allzu wahren und entlarvenden Beobachtungen über das Wesen moderner Paarbeziehungen, möchte man doch zu gern, dass die beiden sich weiter necken und lieben. Denn man sieht Julie Delpy und Ethan Hawke, die hier wohl beide die Rollen ihres Lebens gefunden haben, einfach zu gern bei ihrem verbalen Schlagabtausch zu, selbst wenn sich das Drehbuch manchmal in Plattitüden oder Klamauk verliert. Aber vielleicht sollte man mit manchen Dingen einfach aufhören, wenn es noch schön ist. Und damit ist nicht die Beziehung von Jesse und Céline gemeint, sondern ihre filmische Aufarbeitung.

Von Mireilla Zirpins

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