Fifa-Pate Sepp Blatter: Wie tickt der Skandal-Präsident?

Fifa-Pate Sepp Blatter: Wie tickt der Skandal-Präsident?
Ach, wenn es doch die Weltkugel wäre... Sepp Blatter mit Fußball © ddp images

Die Welt des Fußballs gerät aus den Fugen, und viele Millionen Fans sind entsetzt - nur einer nicht: Sepp Blatter (79), skandalumwitterter Präsident des skandalumwitterten Weltdachverbandes Fifa. Auch angesichts der massiven Korruptionsvorwürfe und Verhaftungen von sieben hochrangigen Fifa-Funktionären will er weitermachen wie gehabt, so dass die "Süddeutsche Zeitung" den Eindruck gewinnt: "Trotz seines Alters ist er mit Sicherheit der wendigste Entfesselungskünstler der Welt."

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Jugend, Frauen, Macht

Wer ist dieser Joseph S. Blatter und wie tickt er? Einer seiner Paladine, Osiris Guzman, Chef des Fußballverbandes der Dominikanischen Republik, sieht in ihm einen zweiten Winston Churchill, einen weißen Nelson Mandela und - warum nicht gleich? - die Schweizer Ausgabe von Jesus Christus. Da lächelt Blatter wissend, fein und still, und sein Publikum weiß: Mit Selbstironie hat er nicht so viel im Sinn.

 

Selbsternannter Pate

 

Er selbst hat sich mal als "Godfather" bezeichnet. Wenn man will, kann man das mit Patenonkel übersetzen, doch eigentlich bedeutet es: Mafiaboss. So werden die Oberhäupter der Ehrenwerten Gesellschaft bezeichnet, und der Titel des legendär verfilmten Mafia-Romans von Mario Puzo hieß folgerichtig: "Godfather", zu deutsch: "Der Pate".

In Zürich, wo den meisten Menschen zum Thema Blatter und Fifa eher zum Weinen zumute ist, kursiert folgender Witz: Was ist der Unterschied zwischen Gott und Sepp Blatter? Gott hält sich nicht für Blatter!

Das Schweizer Wirtschaftsmagazin "Bilanz" schreibt: "Wer Joseph Blatter verstehen will, muss seine Vergangenheit kennen: zu früh geboren, zu schmächtig als Mittelstürmer, in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen - seine Handicaps machten ihn stark."

 

Ist man einmal oben...

 

Als er am 10. März 1936 in Visp im Oberwallis geboren wurde, kam ein siebenmonatiges Frühchen auf die Welt. Seine Mutter soll zu ihrem Mann, einem Werksmeister gesagt haben: "Wenn er bis zum Josephtag überlebt, kommt er durch. Dann taufen wir ihn, dann soll er Joseph heißen."

Er gedieh prächtig, ging brav zur Schule, machte sein Abitur. Und er spielte Fußball, in Visp, in der höchsten Schweizer Amateurliga. Mittelstürmer. Mit seinen 1,71 Metern war er zwar kein Strafraumbrecher, doch er war flink unterwegs und entwischte immer wieder den hart zutretenden Walliser Verteidigern. Einmal haben sie ihn sogar mit der Krone des schnellsten Walliser 100-Meter-Läufers ausgezeichnet.

In Lausanne studierte er Betriebswirtschaft und Politikwissenschaften, danach sah er sich emsig nach einem Job um. Sein jüngerer Bruder Marco sagt: "Da wir aus einfachen Verhältnissen kommen, wissen wir, jeder Schritt nach oben ist mühsam. Ist man aber einmal oben, so ist es nicht so leicht, uns wieder herunterzubringen."

Von 1959 bis 1964 war Sepp Blatter Sekretär des Walliser Verkehrsverbandes, von 1964 bis 1966 Zentralsekretär des Schweizerischen Eishockeyverbandes und von 1966 bis 1968 Pressechef der Dachorganisation der Schweizer Sportverbände. Dann wechselte er in die Privatwirtschaft und arbeitete bis 1975 als Direktor für Öffentlichkeitsarbeit des Schweizer Uhrenherstellers Longines. Von 1970 bis 1975 saß er im Vorstand des Fußballvereins Neuchâtel Xamax.

Daneben pflegte der junge Mann ebenso vorausschauend das Gesellige: Er besuchte Tanzkurse, trat als Conférencier auf und war auf den Feierabendbühnen seiner Heimat eine verlässliche Größe. Und die Frauen mochten ihn.

 

Drei gescheiterte Ehen

 

"Ich bin ein Mann, der die Frauen mag, aber eben auch kein einfacher Mensch", so schilderte sich Blatter in einem Fragebogen der "Schweizer Illustrierten" - und fragte sich: "Vielleicht bin ich deshalb dreimal geschieden?"

Liliane Biner war die erste Ehefrau, mit ihr hat er Tochter Corinne. "Wir waren jung, zu jung, haben zu früh geheiratet, das konnte wohl nicht klappen." Ihr folgte Barbara Käser, Tochter eines Fifa-Kollegen. Und ein Drama für sich, doch davon später.

Die Dritte kam aus Sizilien: Graziella Bianca, eine Delfin-Trainerin und Freundin seiner Tochter Corinne. Das nur standesamtlich getraute Paar soll vom Papst das eheliche Sakrament eingefordert haben, vergeblich, weil Blatter bereits zweimal geschieden war. Die letzte Ehe dauerte nur ein gutes Jahr.

Seine letzte Liebe war Linda Barras (50), eine rassige Dame mit armenischen Wurzeln aus Grans-Montana. Leider war Linda noch verheiratet, mit Christian Barras (61), einem Immobilienunternehmer und amtierenden Dorfkönig von Grans-Montana. Der fiel aus allen Wolken, als er von der Liaison seiner Gattin erfuhr. Vor gut einem Jahr trennten sich auch Sepp und Linda. Seitdem bezeichnet er sich als Single, nur "der Fußball ist meine Geliebte."

 

Die Karriere ging steil nach oben

 

Seine berufliche Laufbahn verlief ähnlich rasant. 1975 wurde Blatter auf Initiative des damaligen Adidas-Chefs Horst Dassler Direktor für Entwicklungsprogramme bei der Fifa. Er hatte sein Büro einige Jahre in der französischen Niederlassung von Adidas und wurde auch zeitweise von Adidas bezahlt.

1981 wurde Blatter Generalsekretär des Weltfußballverbands, er löste den grundsoliden Verbandsbuchhalter Helmut Käser ab, der von Mobbing und Verrat sprach. Als Käser eher zufällig von Blatters Hochzeit mit seiner Tochter Barbara erfuhr, brach er zusammen. Er blieb der Feier fern und seine Witwe sagte später, dass sie ihren Mann das erste Mal bitterlich weinen sah.

Seit 1998 ist Sepp Blatter der achte Präsident der Fifa, die er nach Belieben gesteuert hat. Er wohnt in Zürich am Zürichberg und geht morgens um sieben Uhr zu Fuß in sein Büro in der Fifa-Zentrale, wo er an seinem überdimensionierten Schreibtisch Platz nimmt und in fünf Sprachen (Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch) Kontakt hält zu seinen Vertrauensleuten in aller Welt.

Ebenso beachtlich wie seine Sprachkenntnisse ist das Selbstbewusstsein der Fifa-Chefs, der schon mal den Friedensnobelpreis für sich gefordert haben soll. Und auf die Frage eines Journalisten, ob die Fifa nicht den Vereinten Nationen beitreten solle, hat er geantwortet: "Umgekehrt! Im Ernst!"

Da ist es kaum zu verstehen, dass in seinem Büro die Figuren von an die 30 Schutzengel rumstehen. Bislang machte Sepp Blatter nicht den Eindruck, dass er sie jemals brauchen könnte.

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