Feuchtgebiete: Viel mehr Ekel geht nicht

Filmkritik zu Feuchtgebiete
Filmkritik zu Feuchtgebiete mit Carla Juri

3 von 5 Punkten

Schon vor dem Filmstart am 22. August ist „Feuchtgebiete“ in Deutschland der wohl meist diskutierte Film des Jahres. Jeder, der das Buch von Charlotte Roche gelesen hat, und das sind immerhin 2,5 Millionen Menschen, weiß warum. Und die Hoffnung, dass uns die wirklich ekelhaften Szenen erspart bleiben oder wenigstens ansatzweise sensibel umgesetzt werden, wird enttäuscht. Der Film ist gnadenlos und nichts für schwache Nerven. Dabei ist es in weiten Teilen das Kopfkino, das uns so schaudern lässt.

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Charlotte Roche hatte im Vorfeld alle Rechte am Film verkauft, und somit auf die Umsetzung keinen Einfluss. Ein Wagnis, das zumindest für sie am Ende gut ausging, denn Roche ist vom Ergebnis begeistert. Der Film ist vielschichtiger als das Buch, viele Handlungsstränge wurden dazu erfunden und somit bekommt die Geschichte der Figur Helen Memel einen Hintergrund.

Helen Memel, gespielt von Carla Juri, ist 18 und anders als andere Mädchen, eigentlich ist sie anders als alle anderen. Sie liebt Sex - immer und überall, sie liebt Masturbation - mit allem, was ihr dazu zur Verfügung steht. Sie hasst Körperhygiene und liebt öffentliche Toiletten, je verdreckter, desto besser! Helen spricht Dinge ungehemmt aus, die andere nicht einmal zu denken wagen. Und sie hat Hämorriden!

Als Helen sich bei einer Intimrasur unglücklich verletzt, muss sie sich im Krankenhaus einer Operation unterziehen. Und anstatt sich für ihre Verletzung am After zu schämen bringt sie mit ihrer Offenheit das komplette Klinikpersonal durcheinander. Besonders Pfleger Robin zieht sie mit ihrer sexuellen Unbefangenheit in ihren Bann – denn wann wird ein Krankenpfleger schon mal von einer Patientin darum gebeten, ein Handyfoto von ihrem verletzten After zu schießen? Das Wort Scham kennt Helen nicht.

Helen beschließt die Zeit im Krankenhaus zu nutzen, um ihre Eltern, gespielt von Meret Becker und Axel Milberg, wieder zusammenzubringen. Und dazu werden schon mal Mittel eingesetzt, bei deren Anblick einem ohne Übertreibung übel wird.

Carla Juri überzeugt in ihrer ersten deutschen Hauptrolle

Es sind die Sprünge in die Vergangenheit, die Helens spezielles Wesen erklären. Als Scheidungskind kämpft sie ihre ganze Kindheit über nur um zwei Dinge: Aufmerksamkeit und Liebe. Doch als Achtjährige muss sie zufällig mit ansehen, wie ihre Mutter versucht sich das Leben zu nehmen und ausgerechnet ihren kleinen Bruder mit in den Tod reißen will. Ihre labile Mutter ist ab sofort keine Stütze mehr in Helens Leben, und auch ihr Vater ist mit seiner Tochter völlig überfordert. Also flüchtet sich Helen in ihre eigene kleine Welt, in der sie die Menschen testet, die ihr wichtig sind. Wie weit kann sie gehen, bis sie die „Ekelgrenze“ überschreitet? Da werden auch schon mal gebrauchte Tampons mit der besten Freundin getauscht.

Regisseur David Wnendt schafft es, den bei vielen als pornografisch verschrienen Roman von Charlotte Roche so umzusetzen, dass sich die Ekelszenen mehr im Kopf des Zuschauers als auf der Leinwand abspielen. Trotzdem darf man den Film nicht herunterspielen, denn 'Feuchtgebiete' hat verdammt viel Ekelhaftes und geht in weiten Teilen über die Schmerzgrenze hinaus. Wer es schafft im Kino von Anfang bis Ende entspannt sitzen zu bleiben und sich nicht mindestens einmal die Augen zuhalten muss, ist abgebrüht.

Wer also relativ schmerzfrei ist und eine hohe Ekelgrenze hat, kann sich mit ‚Feuchtgebiete’ einen gut inszenierten Film anschauen.

Es ist Hauptdarstellerin Carla Juri die den Film sehenswert macht. Sie spielt die Rolle der Helen Memel so unglaublich unschuldig, dass man ihr ihre überaus exhibitionistische Art und all den Ekel fast nicht übel nehmen kann. Die 27-jährige Schweizerin schafft es, dass die unhygienische Helen trotzdem sauber wirkt. Ja, Helen ist trotz all ihrer sexuellen Verrücktheit irgendwie „niedlich“. Allein die großartige schauspielerische Leistung von Carla Juri - von der wir in Zukunft sicher noch viel hören werden - macht es lohnenswert sich 100 Minuten lang zu quälen.

Von Britta Heckeroth

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