FC Bayern München: Mit Carlo Ancelotti könnte eine Ära des Wohlfühlens beginnen

Tortellini und Respekt: So tickt Carlo Ancelotti
So lange die linke Augenbraue nicht zuckt, ist alles in Butter: Carlo Ancelotti ist der neue Trainer des FC Bayern © Maxisport/Shutterstock.com

Fußballtrainer beim FC Bayern München sind nicht einfach nur Übungsleiter für 20 bis 30 Sportler. Sie sind viel mehr: Aushängeschilder für die (Fußball-)Nation. Und wer für das Amt ausgewählt wird, ist auch Gradmesser für die Grundstimmung im Land. Von all den 43,5 Millionen Menschen, die in Deutschland arbeiten, ist schließlich kaum jemand so häufig in aller Welt im Fernsehen zu sehen, wie die Coaches des FC Bayern. Von Kanzlerin Angela Merkel vielleicht einmal abgesehen. Man denke nur an die ganzen Pressekonferenzen vor und nach den Champions-League-Spielen.

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Der neue Mann beim FC Bayern

Seit Montag hat offiziell ein neuer Mann das Trainingszepter beim FC Bayern übernommen. Und das heißt in diesem Fall auch: Es weht ein ganz neuer Wind. Der grüblerische - man könnte auch sagen "verkopfte" - unnahbare, asketisch wirkende Pep Guardiola (45) ist Geschichte. Jetzt ist Carlo Ancelotti (57) am Ruder. Viel größer könnte der Unterschied kaum ausfallen. Denn wahrscheinlich fängt, so der Erfolg auf dem Rasen mitspielt, nun eine Ära des Wohlfühlens an. Denn genau das, das Wohlfühlen und Wohlfühlenlassen ist eine von Ancelottis Spezialitäten. Um das herauszufinden, muss man nur seinen früheren Spielern zuhören.

 

Der Mann, dem die Superstars vertrauen

 

"Ich vermisse ihn sehr", sagte etwa der frischgebackene Europameister Cristiano Ronaldo nach Ancelottis Abschied von Real Madrid. "Als er ging, waren alle traurig - auch die, die nicht gespielt haben", meinte Mannschaftskollege Toni Kroos. Sogar Zlatan Ibrahimovic, jener Stürmer, der in der WM der größten Egos durchaus Siegchancen gegen "CR7" hätte, liebt Ancelotti. "Er ist ein fantastischer Coach, eine wunderbare Person", schwärmte "Ibra" dereinst. Nur zur Erinnerung: Über Pep Guardiola hatte der Star geringfügig weniger schmeichelhaft geurteilt. "Er ist feige und hat keine Eier", hieß es da.

 

Ancelotti: Ein Mann mit "erdbebensicherem Arsch"

 

Eier hat Ancelotti - auf seine ganz eigene Art. Eben nicht, weil er auf Konfrontation mit großen Namen geht. Sondern weil er zum Beispiel auf eherne Ernährungsregeln pfeift. Oder auf übertriebenen Ernst. "Er isst, trinkt. Dann isst und trinkt er noch ein bisschen mehr. Aber nicht allein", erzählte Paolo Maldini, Ancelottis Kapitän beim AC Mailand. Und während dem Sportler angst und bange wurde, blieb Ancelotti ganz locker und lud Maldini zum Mitmachen ein. Der wollte ablehnen, der schlanken Linie wegen. Und hatte keine Chance. "Ich bin dein Trainer", habe ihn Ancelotti unterbrochen. "Probier es - es ist gut!"

Auch, dass bei den Kabinenansprachen des Coaches schon mal Tränen fließen, ist aus Maldinis Munde überliefert. Allerdings Lachtränen: Ancelotti sei bisweilen rasend komisch. Was ja durchaus genauso bemerkenswert ist wie sein Faible für gutes Essen, in Zeiten von Trainern wie Thomas Tuchel, die nicht nur sich, sondern auch ihren Spielern das Pasta-Essen untersagen. Das zum Beispiel könnte Ancelotti nie passieren. Verbal ausgetickt ist der Star-Trainer einst, als ihm ein Fan sagte, er solle "abhauen" und sich mit seiner Leibspeise Tortellini "vollfressen". "Ich lasse es nicht zu, dass jemand einen ordentlichen Teller Tortellini beleidigt", verteidigte sich Ancelotti laut "Telegraph" später.

 

Augenbraue mit Fan-Seite

 

All das lässt sich wohl - ohne zu viel zu psychologisieren - auf Ancelottis Herkunft zurückführen. Der Coach ist als Sohn eines Milchbauern bei Parma aufgewachsen. Die Tortellini gab es zu Hause jeden Sonntag nach dem Kirchgang. Und nach der Jugend in der tektonisch leicht instabilen Po-Ebene hat Ancelotti nach eigenem Bekunden einen "erdbebensicheren Arsch". Das kann durchaus als Warnung an Kritiker verstanden werden. Ebenso wie die linke Augenbraue des Trainers. Wenn die in die Höhe wandert, ist nämlich Vorsicht geboten. Auf Facebook hat sie eine eigene Fan-Seite.

Ancelottis Italianismen können durchaus bis ins Klischeehafte gehen. In seinem Buch "Quiet Leadership" nennt er ein Vorbild aus dem Film "Der Pate": "Vito Corleone ist eine Führungspersönlichkeit, an der man sich orientieren kann, weil er von allen respektiert wird - von der Familie, den Freunden, den Leuten, die mit ihm zusammenarbeiten, und sogar von seinen Feinden." "Familie" ist wohl ein Schlüsselwort für Ancelotti. Schlimm empfand er seine Zeit bei Juventus Turin. Im Team der norditalienischen Industriestadt sah er sich als "Rädchen einer Fabrikmaschine".

 

"Carlo ist wie eine Hausfrau"

 

Also bloß kein anonymer Funktionalismus. Und so wird Ancelotti schon mal beim ausführlichen Schlemmer- und Rotwein-Abend mit ehemaligen Spielern wie Andrea Pirlo gesichtet. Familie vergisst man schließlich nicht. Auch wenn sich die Gesichter mal ändern können: Von seiner Ex-Frau Luisa Gibellini hatte er sich 2008 nach 25 Jahren scheiden lassen. Nach einer Affäre mit der 18 Jahre jüngeren Journalistin Marina Cretu ist er mittlerweile wieder in den Hafen der Ehe eingelaufen: Die Kanadierin Mariann Barrena McClay ist seine neue Liebe. Zuletzt hatte er längere Zeit mit der Mittvierzigerin in Vancouver gelebt.

Auch sie erzählt die passenden Anekdoten über Carlo Ancelotti. "Ich habe eine Menge von ihm gelernt. Sein Motto ist: 'Respektiere, um respektiert zu werden', ließ sie sich unlängst zitieren. Das respektvolle Beisammensein feiert das Pärchen laut McClay gerne beim Essen, wie die "Bild" schreibt: "Carlo ist wie eine Hausfrau. Das Erste, was er mich fragt, wenn er morgens aufwacht, ist: Was essen wir heute Abend? Und dann plant er die Gerichte." Gut möglich also, dass Ancelotti bald auf dem Münchner Viktualienmarkt gesichtet wird. Und dass sich dann alle mit dem neuen, lockeren Lebensmodus wohlfühlen werden.

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