Ewan McGregor: "Schande, dass wir Europa verlassen"

Ewan McGregor
Ewan McGregor macht der Brexit fassungslos. Foto: Ettore Ferrari © deutsche presse agentur
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Ob Blockbuster, Arthouse Film oder intimes Reisetagebuch: Vor der Kamera hat Ewan McGregor schon viel ausprobiert.

Auch bei seinem Debüt als Regisseur für den Spielfilm "Amerikanisches Idyll" beweist der 45-Jährige Mut, indem er sich eines literarischen Meisterwerks annimmt: des gleichnamigen Romans des Pulitzer-Preisträgers Philip Roth.

"Amerikanisches Idyll" zeigt eine Welt im Umbruch: Polizeigewalt, Jugendliche, die sich radikalisieren und Gesellschaftsentwürfe in der Krise. Im Gespräch mit der Deutschen-Presse-Agentur erklärt McGregor, was das mit der Gegenwart zu tun hat - und rechnet mit dem britischen Außenminister Boris Johnson ab.

Frage: Ihr neuer Film "Amerikanisches Idyll" spielt in Zeiten des Umbruchs. Sehen Sie Parallelen zur Gegenwart?

Antwort: Ich denke schon. Zumindest als Betrachter lässt sich das kaum vermeiden, Parallelen zu ziehen. Es gibt da eine Szene mit Uzo Aduba und mir. Da gibt es einen Aufruhr auf der Straße, der sich tatsächlich so ereignet hat; in Newark, wo mein Charakter, der Schwede, seine Fabrik hat. Man sieht dort einen Afroamerikaner, der von einem weißen Polizisten über die Straße geschleift und geschlagen wird. An der Stelle habe ich mich bewusst entschieden, das so zu zeigen. Denn das ist etwas, das wir momentan häufig sehen. Das ist traurigerweise ein ernstes Thema in den USA. Ich hatte das Gefühl, es ist wichtig zu zeigen, dass das schon lange so passiert.

Frage: Und darüber hinaus?

Antwort: Nun, wir haben es im Film mit einem Kind zu tun, das sich radikalisiert und eine Bombe in einer Postfiliale zündet. Diese Idee des Radikalismus - Terrorismus -, ist auch etwas, das uns noch heute begleitet und das uns wahrscheinlich in der Zukunft weiter begleiten wird. Aber es war nie unsere Absicht - weder meine, noch der Produzenten - den Film deswegen genau jetzt zu machen.

Frage: Bleiben wir in der Gegenwart. Sie haben Boris Johnson dafür kritisiert, dass er nach dem Brexit keine politische Verantwortung übernehmen wollte. Jetzt ist er Außenminister. Was halten Sie von dieser Personalie?

Antwort: Ich finde es unglaublich. Vielleicht wollte sie (Theresa May), dass er seine eigene Suppe auslöffelt, keine Ahnung. Es ist eine Schande, dass wir Europa verlassen. Ich kann es immer noch nicht glauben.

Frage: Wie kam es überhaupt dazu?

Antwort: Die "Leave"-Kampagne wurde mit Lügen und Angstmache vor Zuwanderung geführt. Das war nur noch abscheulich. Und die "Stay"-Kampagne war einfach schwach und kaum wahrzunehmen. Ich glaube, nachher haben die Leute gesagt: "Wir haben ja nicht gedacht, dass das wirklich passiert." Nun, warum haben sie dann so abgestimmt? Wenn Menschen eine andere Meinung haben, ist das okay für mich. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie das ist, mit Europa auf der einen und Britannien auf der anderen Seite. Einfach so, mit geschlossenen Grenzen und allem. Diese Weltabgewandtheit ist ein Desaster.

Frage: Noch wurde der Brexit ja nicht in die Tat umgesetzt. Glauben Sie, dass es einen Weg zurück gibt, dass diese oder die nächste Regierung den Brexit zurücknehmen kann?

Antwort: Ich weiß gar nicht, ob das ginge. Ich meine, was würde das in einer Demokratie bedeuten? Die Wahrheit ist doch, dass wir von Anfang an kein Referendum brauchten. Manche Sachen sollten von Politikern entschieden werden. Ist das nicht ihr Job? Ich weiß nicht, wie wir überhaupt in die Situation gekommen sind. Cameron hat das verzapft und ebenfalls Mist gebaut. Es kommt mir so vor, als wären da viele Menschen, die grauenhafte Entscheidungen treffen und sich dann davonstehlen, ungestraft, in ein Leben des Redenhaltens.

Frage: Wie geht es nun weiter?

Antwort: Natürlich könnte Johnson am Ende doch noch Premierminister werden. Vielleicht war das von Anfang an sein Plan. Ich weiß nicht einmal, ob er selbst davon überzeugt war, Europa zu verlassen. Es kommt mir so vor, als ob er einfach ein Spieler ist, ein Eton-Schüler, der zum Spaß Politik macht. Wissen Sie, die Wahrheit ist, dass sich das auf das Leben von Menschen auswirken wird. Sollte er tatsächlich noch Premierminister werden, dann verlässt Schottland Großbritannien. Ich glaube nicht, dass Schottland Boris Johnson als Premier ertragen könnte. Das werden wir nicht erleben (lacht).

Frage: Die Fortsetzung von "Trainspotting" läuft bald an, "Amerikanisches Idyll" ist nach vielen Jahren fertiggestellt. Haben Sie nun Zeit für eine neue Motorradreise wie im Filmprojekt "Long Way Round"?

Antwort: Bis jetzt habe ich keine Pläne für einen neuen "Long Way Round"-Trip. Aber das ist einfach etwas, das ich gerne mache. Ich fahre täglich Motorrad, weil ich mich so am liebsten fortbewege. Und ich mache weiter private Ausflüge, aber nicht in der Größenordnung. Man sollte niemals nie sagen - wir werden sehen.

ZUR PERSON: Ewan McGregor wurde am 31. März 1971 in Schottland geboren. Zu seinen bekanntesten Filmen gehören "Brassed Off - Mit Pauken und Trompeten" und "Trainspotting".


Quelle: DPA
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