"Eurovision Song Contest": Wie tickt Conchita Wurst?

"Eurovision Song Contest": Wie tickt Conchita Wurst?
Conchita Wurst macht auf jedem roten Teppich eine gute Figur © Joel Ryan/Invision/AP

Sie oder er? Er oder sie? Eigentlich Wurst! So entstand der Name - und eine Kultfigur, die in ganz Europa zur Ikone wurde. Eine junge, elegante Frau mit Vollbart. Conchita Wurst (26, "Heroes"), die/der Schöne aus Wien. Am Samstagabend wird sie vor über 170 Millionen TV-Zuschauern den 60. Eurovision Song Contest in der österreichischen Hauptstadt präsentieren. Schon seit Tagen ist Wien im Conchita-Wurst-Fieber. Überall in der Stadt werben Plakatwände für ihren Auftritt in der Stadthalle. In den U-Bahnen kündigt sie die einzelnen Stationen an. Die Weltkulturmetropole Wien, die Stadt Mozarts, Beethovens, Haydns, Schuberts und des Walzerkönigs Johann Strauss, kennt derzeit nur eine Ikone: Conchita Wurst.

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Sieben Fragen zur Kultfigur

 

Wer ist Conchita Wurst eigentlich?

 

Hinter jedem starken Mann steckt eine starke Frau. Bei Conchita Wurst ist es umgekehrt. Eigentlich heißt sie Tom Neuwirth. Und der ist ein junger Mann, der seit 2011 als Dragqueen Conchita Wurst gegen Intoleranz und Diskriminierung auftritt. Tom, der schon als Zwölfjähriger merkte, dass er "mehr auf Jungen stand" und sich früh zu seiner Homosexualität bekannte, sagte gegen die zahlreichen Anfeindungen, die er ertragen musste: "Einzig und allein der Mensch zählt, jeder soll sein Leben so leben dürfen, wie er es für richtig hält, solange niemand zu Schaden kommt." Also sollten den Leuten Aussehen, Geschlecht und Herkunft völlig Wurst sein. Damit stand der Nachname der Kunstfigur fest. Den spanischen Vornamen schlug eine Freundin aus Kuba vor: Conchita. Er verweist auf die Jungfrau Maria und die unbefleckte Empfängnis.

 

Warum trägt sie einen Bart?

 

"Vor allem der Bart ist ein Mittel für mich, zu polarisieren, auf mich aufmerksam zu machen. Die Welt reagiert auf eine Frau mit Haaren im Gesicht. Was ich mir wünsche, wäre, dass sich die Leute ausgehend von meiner ungewöhnlichen Erscheinung Gedanken machen - über sexuelle Orientierung, aber genauso über das Anderssein an sich", sagte Neuwirth der Wiener Zeitung "Kurier".

 

Wo kommt sie her?

 

Tom stammt aus der Kleinstadt Gmunden im Salzkammergut und wuchs in der Steiermark auf. Für Conchita Wurst hat er eigene Lebensdaten ersonnen. Demnach ist sie im Hochland Kolumbiens geboren und in Deutschland aufgewachsen. Deshalb spricht Conchita auch mit deutschem Akzent, während bei Tom die steirische Mundart nicht zu überhören ist.

 

Wo lebt sie?

 

Tom und Conchita leben in Wien. Dort hat sie kaum Ausgang, es sei denn zu offiziellen Auftritten. Privat ist nur Tom unterwegs. Und nie in den Glitzerroben von Conchita, sondern in einem unauffälligen Schlabberlook. Der "Bild"-Zeitung sagte er mal: "Wenn ich als Tom in Wien unterwegs bin, erkennt mich auf der Straße kaum jemand."

 

Hat sie einen Beruf?

 

Tom machte 2011 einen Abschluss an der Grazer Modeschule, trat aber schon vorher als Sänger in der Boygroup jetzt anders! und in der ORF-Castingshow "Starmania" auf, wo er 2006 Zweiter wurde. Conchita ist Sängerin und gilt als Mode-Ikone. Nach dem sensationellen Gewinn des ESC 2014 in Kopenhagen machte sie eine internationale Karriere als Musikerin und Showstar. Sie moderierte in der Wiener Staatsoper die Matinee "Pop meets Opera", war Stargast des weltberühmten Crazy Horse Clubs in Paris, trat beim Songfestival in San Remo auf, wurde von Karl Lagerfeld für das angesehene "CR Fashionbook" in Strapsen fotografiert und war für den Modedesigner Jean Paul Gaultier in Paris bei der Präsentation seiner Herbst/Winterkollektion auf dem Laufsteg. Außerdem ist sie Werbeträgerin für die Bank Austria.

Conchita/Tom nutzte die große Popularität, um für Toleranz gegenüber jeder sexuellen Gesinnung zu werben. Sie wurde vom österreichischen Bundeskanzler Werner Faymann empfangen, trat vor dem EU-Parlament in Brüssel auf und traf in Wien UN-Generalsekretär Ban Ki-moon.

 

Hat sie einen Freund?

 

Tom soll seit November 2013 liiert sein. Der Auserwählte habe erst nach dem Kennenlernen von der Kunstfigur Conchita erfahren und sei erst einmal überrascht gewesen. "Aber jetzt findet er mich als Mann und als Frau attraktiv. Das finde ich wunderschön", so lässt Tom sein Alter Ego Conchita über die Beziehung sagen. Conchita ihrerseits ist schon länger unter der Haube. Laut ihrer offiziellen Vita ist sie seit sieben Jahren mit dem Boylesque-Tänzer und Model Jacques Patriaque verheiratet. Laut "News.at" sollen sich die beiden in Paris kennengelernt haben. Sie zogen dann nach Wien, geheiratet wurde in einer schummrigen Bar. "Der Ring war in einem Champagnerglas, und ich habe ihn fast verschluckt", so schilderte Conchita ihre Eheschließung.

 

Hat sie auch Feinde?

 

Auf jeden Fall hatte sie welche. Nachdem vor über einem Jahr bekannt wurde, dass die bärtige Conchita Österreich beim ESC vertreten würde, kam es in den sozialen Netzwerken zu massiven schwulenfeindlichen Angriffen. Auf Facebook wurde die Gruppe "Nein zu Conchita Wurst beim Song Contest" gegründet, der österreichische Kabarettist Alf Poier sagte, er könnte mit der "verschwulten Zumpferl-Romantik" nichts anfangen und der FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache sprach sich mehrfach gegen ihre Entsendung durch den ORF aus.

Auch im Ausland zogen Politiker über Conchita Wurst her. Der Pole Jaroslaw Kaczynski sah in Conchita den "Verfall des modernen Europas", in der Türkei äußerte der Parlamentarier Volkan Bozkir, sein Land sei froh, nicht mehr am ESC teilnehmen zu müssen. Und in Weißrussland sowie in Russland wurde gefordert, den ESC wegen Conchita Wurst zu boykottieren.

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