Entscheidende Wende im Kachelmann-Prozess?

Entscheidende Wende im Kachelmann-Prozess?
© dpa, Ronald Wittek

Zwei Rechtsmediziner entlasten Wettermoderator

Ist das die entscheidende Wende im Vergewaltigungsprozess gegen Wettermoderator Jörg Kachelmann? Gleich zwei Rechtsmediziner haben vor dem Landgericht Mannheim neue Zweifel an der Tatversion der Ex-Geliebten genährt. Zur mit Spannung erwarteten Befragung von Deutschlands bekanntester Frauenrechtlerin, Alice Schwarzer, kam es nicht. Die Journalistin verweigerte die Aussage.

- Anzeige -

Bei der Vernehmung der Rechtsmediziner ging es vor allem um Spuren an dem Messer, das Kachelmann laut Anklage seiner ehemaligen Geliebten an den Hals gedrückt haben soll. Rainer Mattern (Heidelberg) erklärte vor dem Landgericht, es wären deutlichere Spuren von Hautpartikeln an der Klinge zu erwarten gewesen. “Das kann man als Widerspruch darstellen“, sagte Mattern auf Nachfrage der Staatsanwaltschaft. Mattern hatte das mutmaßliche Opfer dreimal untersucht. Kachelmanns Ex-Geliebte beschuldigt den Moderator, sie mit einem Messer bedroht und vergewaltigt zu haben. Der 52-jährige Schweizer bestreitet das.

Auch der Kölner Rechtsmediziner Markus Rothschild, der von Kachelmanns Verteidigung als Gutachter benannt wurde, äußerte starke Bedenken gegen die Tatversion von Sabine W. Die Verletzung am Hals müsste - da sind sich die Rechtsmediziner einig - mit dem Rücken der Klinge verursacht worden sein. Rothschild sagte, es hätte zumindest DNA-Spuren der Ex-Geliebten am Messerrücken geben müssen. “Dort ist keine DNA, und das ist nicht nachvollziehbar.“

Er schloss auch aus, dass die Spuren verloren gegangen sein könnten, als die Frau nach der Tat das Messer nochmals anfasste. “Man hätte das Messer auf den Boden schmeißen können. Die Epithelien (Gewebezellen, Anm. d. Red.) fallen nicht ab, die bleiben dort dran kleben.“ Rothschild sagte weiter, dass auch die Schnittverletzungen an Bauch, Unterarm und Oberschenkel sowie die Hämatome an den Oberschenkeln der Frau nicht zum geschilderten Tatablauf passen würden. Teilweise deute das Muster der Wunden eher auf Selbstverletzungen hin, so der von der Verteidigung ausgewählte Experte.

Als Journalistin machte Alice Schwarzer von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Dies diene dem Schutz ihrer Informanten, sagte Schwarzer. Die Feministin berichtet für die ’Bild’-Zeitung über den Vergewaltigungsprozess. Kachelmanns Verteidiger Johann Schwenn hatte sie zu ihren Kontakten mit dem Therapeuten des mutmaßlichen Opfers, Günter Seidler, befragen wollen. Der Staranwalt wirft Deutschlands bekanntester Frauenrechtlerin einen "öffentlichen Feldzug" gegen seinen Mandanten vor. Schwarzer hatte den Vorwurf als "absurd" bezeichnet. Sie kündigte nach der Verweigerung ihrer Aussage an, sie werde das Verfahren auch weiterhin begleiten: “Ich werde den Prozess bis zum Ende verfolgen und kommentieren.“

Zeugenvernehmung in der Schweiz

Unterdessen können Richter und Staatsanwälte des Landgerichts Mannheim zur Vernehmung einer Frau in die Schweiz fahren, die das Magazin 'Focus' als neue angebliche Belastungszeugin präsentiert hatte. Wann dies passieren wird, ist derzeit offen. Ort und Zeitpunkt der Vernehmung werden auch nicht bekanntgegeben, weil es sich um eine nichtöffentliche Vernehmung handelt. Voraussichtlich werden vier Richter des Landgerichts sowie die beiden Staatsanwälte Lars-Torben Oltrogge und Oskar Gattner nach Zürich fahren.

Sie dürfen die Frau nicht direkt befragen, sondern nur über einen Schweizer Staatsanwalt. Die Zeugin hat bisher keine Beschwerde gegen ihre Befragung in Anwesenheit der Mannheimer eingelegt. Deshalb werde jetzt eine Vorladung erlassen, sagte der Züricher Staatsanwalt Marcel Strassburger.

Nach Einschätzung von Kachelmanns Pflichtverteidigerin Andrea Combé dürfte die Schweiz-Reise in den nächsten zwei Wochen anstehen. Die Anwältin, die gemeinsam mit Wahlverteidiger Schwenn nach Zürich fahren wird, zeigte sich gelassen: "Wir denken nicht, dass die Zeugin den Tatvorwurf gegen unseren Mandanten stützen wird."

— ANZEIGE —