'Ein Tick anders' - mehr als nur „Pimmel-Pilz“

3 von 5 Punkten

In ‚Vincent will meer’ schimpfte und zuckte bereits Florian David Fitz als Tourette-Kranker über die Leinwand – und räumte damit gleich den Deutschen Filmpreis ab. In ‚Ein Tick anders’ flucht jetzt Jungschauspielerin Jasna Fritzi Bauer als Eva auf der Kino-Leinwand. Ob das genauso gut funktioniert?

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„Pimmel-Pilz“, „Kuchenfot*e“ oder „Heil Hitler, du Nutte“ – die Tourette-Erkrankung lässt Eva Dinge tun und sagen, die sie gar nicht will. Ihre unkontrollierten Flüche und Ticks sind für ihre Familie und die Nachbarschaft nichts Außergewöhnliches mehr und so hat Eva gelernt, sich mit ihrer neurologischen Krankheit zu arrangieren. Vor allem ihre dezent durchgeknallte Oma gibt Eva Halt. Mit ihr kann sie über ihre Sorgen reden, während sie gemeinsam Laub anmalen oder Haushaltsgeräte in die Luft sprengen.

Doch die kleine, perfekte Welt beginnt zu bröckeln, als ihr etwas treudoofer Vater seinen Job verliert und beschließt, mit seiner Familie einen Neuanfang in Berlin zu starten. Aber nicht mit Eva, die aus der gewohnten Umgebung nicht weg will. Und so sucht sie selbst nach einem Job, um die Ernährung ihrer Familie selbst in die Hand zu nehmen. Als Tourette-Kranke wird sie jedoch auf dem Arbeitsmarkt nicht ernst genommen und so beschließt sie mit ihrem kleinkriminellen Onkel eine Bank auszurauben. An der Stelle nimmt die seichte Familienkomödie Fahrt auf und entwickelt sich zu einem echten Dorf-Krimi…

Andi Rogenhagen bringt Drama ins Spiel

Die Geschichte ist sehr liebevoll erzählt und die zum Teil sehr ulkigen Charaktere lockern den Film auf. Vor allem die szenischen Einblicke in die Phantasie der 17-Jährigen und die Tatsache, dass Eva selbst aus dem Off die Geschehnisse kommentiert, lassen den Film in Erinnerung bleiben.

Doch der Streifen ist nicht ein bloßes Witzefeuerwerk – wie es der Trailer vermuten lässt. Denn Regisseur und Grimme-Preisträger Andi Rogenhagen setzt sich phasenweise auch recht ernst mit dem Thema auseinander. So kämpft Eva in einigen Szenen mit aller Kraft gegen den „Schluckauf im Kopf“ an und unterdrückt ihre Ticks bis zur Bewusstlosigkeit.

In solchen Momenten bekommt die Komödie schlagartig eine dramatische Wendung, denn das Mädchen kann einem dann eigentlich nur noch leid tun. Wenn Eva zum fünften Mal gequält „Pimmel-Pilz“ ausruft, findet man es dann gar nicht mehr so witzig. Da hängt der Zuschauer plötzlich zwischen Drama und Komödie.

Mit ‚Ein Tick anders’ ist den Machern eine liebesvolle Geschichte über ein junges Mädchen gelungen, dass mit allen Mitteln versucht ihr Leben trotz aller Widrigkeiten in den Griff zu kriegen. Da der Film dabei mehr zu bieten hat, als eine Aneinanderreihung von wilden Schimpfwörtern, bleibt dem Zuschauer diese Familienkömodie lange in Erinnerung.

Von Sebastian Schmidt

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