Echtes Ekelpaket: John Malkovich in „Schande“

Echtes Ekelpaket: John Malkovich in „Schande“

Von Mireilla Zirpins

Was macht man mit einer Hauptfigur, die nicht wirklich sympathisch ist? Ganz einfach: Man besetzt sie mit einem Klasseschauspieler wie John Malkovich, und die Zuschauer sehen trotzdem gern zu. Denn liebenswert ist an seinem Professor David Lurie nun wahrlich nichts. Der zweifach geschiedene Professor lehrt romantische Literatur in Kapstadt, aber ein Romantiker ist an ihm nicht verloren gegangen. Der 52-jährige Zyniker, den Malkovich brillant als frustrierten Narziss proträtiert, macht auf jung gebliebener Don Juan. Als ihn seine Lieblingsprostituierte abserviert, baggert er hemmungslos die schwarze Studentin Melanie an.

Die lässt die reichlich widerlichen Avancen des alten Sacks wehrlos über sich ergehen, aber ihr Bruder und ihr Vater gehen steil. Eine Kommission der Uni soll untersuchen, ob Lurie seine Position missbraucht hat. Er verzichtet auf eine Verteidigung, ja auf jede Form der Reue und lässt sich lieber unehrenhaft entlassen.

Er sucht Zuflucht bei seiner lesbischen Tochter Lucy (ebenso grandios aufspielend: die südafrikanische Theatermimin Jessica Haines in ihrem Spielfilmdebüt). Die wurde gerade von ihrer Lebensgefährtin verlassen und bewirtschaftet ihre abgelegene Farm nun allein. Fast allein. Denn sie geht eine seltsame Symbiose mit dem schwarzen Hilfsarbeiter Petrus (Eric Ebouanay) ein, der Lurie an Jovialität glatt noch übertrumpft und ihr Teile ihres Landes abluchst als Gegenleistung für „Schutz“. Schließlich ist es gefährlich für eine weiße Frau hier, so ganz allein auf dem Land. Als Lucy von drei schwarzen Halbwüchsigen überfallen und vergewaltigt wird, ausgerechnet als Petrus einen Tag lang ausgeflogen ist, sieht Lurie rot.

Nun erst offenbart sich der wahre Spalt, der zwischen Vater und Tochter klafft. Wo er seinen Rassismus nur mühsam unterdrücken kann, ergibt sie sich passiv in ihr Schicksal. Lurie hofft vergeblich auf die Vergeltungsmechanismen eines Law-und-Order-Staates, der ihn schon dafür bestrafen wollte, dass er sich sein bisschen Erotik nicht mal gewaltsam erschlich. Lucy akzeptiert die Gesetze der schwarzen Einöde und scheint stellvertretend für die Verbrechen anderer Weißer Buße zu tun – eine Haltung, die dem Zuschauer genauso fremd sein dürfte wie die Luries.

- Anzeige -
Echtes Ekelpaket: John Malkovich in „Schande“

Mit dem gleichen Understatement, mit dem der südafrikanische Nobelpreisträger J.M. Coetzee seinen gleichnamigen Roman verfasste, erzählt der Australier Steve Jacobs, wie die Leben von Vater und Tochter aus den Fugen geraten, wie die Apartheid in den Köpfen weitergärt und das Zusammenleben verpestet.

In Südafrika löste das Buch einen Skandal aus, weil es mit beiden Seiten hart ins Gericht geht und aufdeckt, dass ein Miteinander von Schwarz und Weiß nicht mal auf dem Papier wirklich funktioniert. Und weil es eine unangenehme Wahrheit anspricht: Drei Morde pro Stunde, drei Vergewaltigungen pro Minute. Coetzee und Jacobs zeigen nicht die Spitze des Eisbergs, sie gehen unangenehm in die Tiefe und zeigen singuläre Ereignisse, die symptomatisch sind für ein politisches und gesellschaftliches Klima, das wenig Hoffnung auf Besserung erlaubt.

Trotz dieser deprimierenden Botschaft und des wie bei Helden eines klassischen Dramas unausweichlich scheinenden Schicksals der beiden Helden, geben Steve Jacobs und sein Kameramann Steve Arnold dem Land Südafrika die Chance, zumindest in den Landschaftsaufnahmen seinen Reiz zu entfalten. Die Schönheit der Gegend kontrastiert geradezu böse mit den hässlichen Dingen, die hier passieren.

Aber vor allem die beiden Hauptdarsteller, die mit viel Inbrust ihren beiden schwierigen Charakteren Leben einhauchen, machen „Schande“ so sehenswert: Jessica Haines, unter deren harter Schale immer Verletzlichkeit durchscheint, transportiert die kategorischen und radikalen Entscheidungen ihrer Lucy mit einer so sanften Selbstverständlichkeit, dass man sie zwar nicht versteht, aber akzeptiert. Und gleichzeitig leidet man mit John Malkovichs dauerhaft unzufriedenem Lurie wie ein Hund, obwohl man ihn gleichzeitig abstoßend findet. Eine emotional quälende Tour de Force - aber eine, die sich in jeder Hinsicht lohnt.

— ANZEIGE —