Disco Boys: "Früher war man total hip ..."

Die Disco Boys im exklusiven Interview
Raphael Krickow und Gordon Hollenga: Die Disco Boys im exklusiven Interview

"Ein Megahit ist Fluch und Segen zugleich"

Die Disco Boys haben in zehn Jahren auch die Schattenseiten des Business kennengelernt. Im exklusiven Interview erzählen Raphael Krickow und Gordon Hollenga von Oberflächlichkeit und warum sie immer für die Fehler der anderen grade stehen müssen.

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Von Christina Rings

Am Freitag startet eure Tour – stresst das?

Raphael: Nein, seit wir im Geschäft sind, legen wir jedes Wochenende auf. Die Tour ist immer nur die Werbung für eine neue CD, aber auflegen tun wir immer, das ganze Jahr durch. Es gibt praktisch nur ein paar freie Wochenenden und das war’s.

Gordon: Genau, die genießen wir dann auch. Aber der Mensch gewöhnt sich ja an alles und da wir jetzt schon so lange unterwegs sind, wäre es glaube ich eher komisch, dann plötzlich länger frei zu haben. Dann würden einem die Gigs fehlen.

Raphael: Der Erfolg motiviert uns natürlich sehr. Aber es ist auch extreme Gewohnheit. Wenn du jemanden in unserem Alter einen Monat auf die Bühne schicken würdest, der wäre tot. Ich persönlich gehe außerdem nicht mehr so gerne mit den Veranstaltern und den „coolsten“ Leuten in den "angesagtesten“ Restaurants bis zwölf essen, von da ins Hotel umziehen und dann direkt in den Club. Ich hab vorher lieber noch ein paar Stunden Ruhe, gucke fern und mach mir keinen Stress. Das war früher schon anders. Da ist man angekommen, wurde direkt abgeholt, war total hip … Ich hab da noch so vielen Jahren keine Lust mehr drauf. Ich kenne die Läden, das Gelaber, die Leute.

Ist dir das alles zu oberflächlich?

Raphael: Ja, es ist sehr oberflächlich. Das macht auch eine Zeit lang Spaß, aber irgendwann siehst du es, wie es ist: Wir sind Dienstleister und die buchen uns nicht, weil man Spaß zusammen hat, sondern weil wir denen die Hütte voll machen sollen. Wenn die Hütte irgendwann mal nicht mehr voll ist, dann gehst du wieder mit dem Veranstalter essen, um gute Laune zu verbreiten (grinst). So lange du es aber noch schaffst, ist es nicht ganz so wichtig, dass du mit den Leuten immer dieses total oberflächliche Zeug redest.

Tigert ihr privat eigentlich auch noch durch die Clubs?

Gordon: Weniger als früher auf jeden Fall. Aber ab und zu finde ich das ganz gut, wenn was Besonderes ansteht. Da kann man sich inspirieren lassen.

Rapahel: Du hast nur leider wenig Zeit. Wenn du selbst jedes Wochenende unterwegs bist, wo willst du dann unter der Woche noch groß feiern.

Gordon: Früher gab‘s in Hamburg sonntags immer so einen House-Abend. Wir waren zu der Zeit Freitag und Samstag unterwegs, haben selber aufgelegt und sonntags hat man dann da die ganzen Hamburger Szenenasen getroffen. Jetzt ist es nicht mehr so und das vermisse ich auch nicht.

Wie ist das eigentlich für euch, wenn ihr im Club zum gefühlt 1000sten Mal 'For You‘ auflegt?

Gordon: Naja, wir sind DJs und wollen natürlich auch gerne unsere aktuellen Sachen spielen. Wir wollen nicht auf den einen Song reduziert werden. Dann hätten wir auch in einer Band spielen und jedes Wochenende dasselbe Repertoire runterfiedeln können. Aber das sind wir nicht.

Raphael: Im Set spielen wir es nicht mehr so gerne, weil es nicht mehr zum Rest passt. Aber ich finde, das Lied an sich kann man komischerweise immer noch gut hören - und das scheint den Leuten da draußen auch so zu gehen. Klar, wird der Song sehr stark mit uns verbunden, aber du willst dich auch nicht darauf reduzieren lassen. Insofern ist das eine Art Hassliebe. Segen und Fluch zugleich. Segen, weil man dadurch ja auch sehr bekannt geworden ist. Das ist schon eine Gratwanderung, solche Hits können auch ein Fluch sein. Du verdienst durch die ganzen illegalen Downloads damit nicht mehr viel Geld, vermasselst dir aber deinen Ruf als DJ.

"Facebook? Vereinsamung durch Selbstdarstellung!"

Disco Boys: "Früher war man total hip ..."

Kriegt ihr die Musik-Piraterie sehr stark zu spüren?

Raphael: Einbrüche haben wir dadurch nicht, aber wir wissen, dass ein sehr großer Prozentsatz unsere Lieder illegal downgeloadet werden. Wir verdienen nicht viel Geld mit Tonträgern, darum tangiert uns das nicht so wahnsinnig. Wäre ich Komponist von 'For You‘, würde mich das schon eher stören, aber da musst du Bruce Springsteen fragen. Wir wollen nur, dass sich unsere Musik verbreitet - egal, wie.

Gordon: Naja, es ist schon so, dass die Einnahmen, die man durch CDs generiert hat, deutlich gesunken sind.

Raphael: Das ist ein Unrechtsbewusstsein, das bestraft gehört. Du kannst ja auch nicht alles auf der Straße mitnehmen, nur weil kein Preisschild dranhängt. Leistung muss bezahlt werden.

Zum Stichwort Fluch und Segen fällt mir spontan auch Facebook ein. Wie steht ihr dazu?

Gordon: Es ist ein gutes Tool, um Promotion zu machen, obwohl es dafür nicht erfunden worden ist. Und man hat natürlich viel direkteres Feedback. Es geht schon echt ab auf unserer Facebook-Seite. Dein Marktwert bestimmt sich ja fast schon über die Zahl deiner Facebook-Fans.

Raphael: Meine Meinung dazu ist: Vereinsamung durch Selbstdarstellung. Deshalb bin ich zum Beispiel bei Facebook komplett anonym. Das hat für mich überhaupt keinen Reiz als Kommunikationsplattform.

Gordon: Man merkt schon, wie viele Voyeure es auf der Welt gibt.

Und Exhibitionisten auf der anderen Seite, die da ihr ganzes Leben offen legen.

Gordon: Klar, ohne Voyeur kein Exhibitionist.

Ihr seid seit über zehn Jahren im Geschäft - wie sehr haben sich die Partygänger und eure Gigs seit damals verändert?

Raphael: Die Leute haben sich stark verändert, ihre Gründe, wegzugehen und ihre Musikwahrnehmung auch. Das einzige, das sich nicht verändert hat, sind wir. Einigen Clubs geht es schlecht, viele Locations gibt es nicht mehr. Aber wir sind noch da und wir sind uns immer treu geblieben.

Das Cover eures neuen Albums Vol. 12 ist regenbogenfarben – sind euch die Farben ausgegangen?

Raphael: Wir wollen jetzt verstärkt die Gay-Community ansprechen (lacht). Ne, wir haben uns in den letzten zehn Jahren schon öfter überlegt, mal was mit Bild zu machen. Aber ich habe immer die Meinung vertreten, dass man den Markencharakter, den die Leute gelernt haben, schützen muss. Wenn der Käufer gestern blau hatte und vorgestern grün, dann erwartet er morgen eben rot und erkennt das auch sofort. Aber dieses Mal waren wir eigentlich alle der Meinung, dass wir mal was wagen und aus diesem klassischen, gelernten Muster ausbrechen können.

Gordon: Wir haben auch schon so gut wie jede Farbe gehabt, oder?

Raphael: Ja, es wird langsam schwierig.

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