Die Vermessung der Welt - Filmkritik

Sexy Mathematiker: Die Vermessung der Welt

Von Mireilla Zirpins

3 von 5 Punkten

Wer hätte, als er noch im Unterricht mit Gaußschen Formeln gequält wurde, sich den dafür verantwortlichen Mathematiker optisch auch nur annähernd so ansprechend vorgestellt wie Florian David Fitz? Wohl niemand. Nun will uns Detlev Buck in der Verfilmung von Daniel Kehlmanns Bestseller 'Die Vermessung der Welt' glauben lassen, dass der alte Greis mit der Mütze in seiner Jugend tatsächlich ein hübscher Charmebolzen war, wenn auch ein etwas verkopfter.

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Florian David Fitz also spielt das junge Wissenschafts-Genie Carl Friedrich Gauß als netten jungen Mann, der zwar nicht so gut rechnen, aber dafür analytisch denken kann und dazu noch Schlag bei den Frauen hat. Die finden das nämlich ganz schön süß, wenn er in ein paar für einen Familienfilm fast schon freizügigen Szenen an ihnen herumfummelt und dann hektisch aufspringt, um sich einen Gedanken oder Formeln zu notieren: zuerst die Prostituierte Nina (Anastasiia Dmitrievna Kyryliuk), dann seine ehemalige Schulkameradin Johanna (hübsch natürlich: Vicky Krieps) und schließlich nach dem Tod im Kindbett deren beste Freundin Minna (Anna Unterberger). Fitz spielt das ähnlich leichtfüßig und herzig wie den Schwerenöter Marc Meier in 'Doctor's Diary', nur ohne dessen Bösartigkeit. Zudem hat einen wunderbaren Moment mit seiner Johanna, als es inmitten einer Berechnung aus ihm herausbricht: ‚Sind Sie verlobt?‘.

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Opulente Bildwelten

Nicht ganz so sexy ist der andere Forscher, um den es in dem etwa 75 Jahre umspannenden Epos geht: Alexander von Humboldt, etwas halbherzig gespielt vom weitgehend unbekannten Albrecht Abraham Schucht. Der ist nicht halb so verkopft wie sein Mathematiker-Kollege, dafür aber umso eifriger und auch noch etwas mehr von sich eingenommen. Anders als der Unterschichts-Spross Gauß stammt er aus einer wohlhabenden Adelsfamilie, mit der er bricht, um auf Weltreise zu gehen. Beide wollen, beflügelt vom Wissensdurst der Aufklärung, die Erde vermessen – der eine mittels Berechnung gemütlich vom heimischen Schreibtisch in der piefigen Provinz aus, der andere durch praktisches Handanlegen auf entlegenen Kontinenten, wobei er von einem Abenteuer ins nächste Gerät und – nebenbei bemerkt – mit Sex nichts am Hut zu haben scheint und empört reagiert, als sich sein Adjutant Aimé Bonpland (Jérémy Kapone) mit einer Eingeborenen vergnügt.

Die Lebensverläufe der beiden unterschiedlichen Wissenschaftler werden durch opulente 3D-Bilder illustriert und gekonnt miteinander kontrastiert. Auch an den burlesken Humor gewöhnt man sich schnell, auch wenn Sunnyi Melles einmal mehr als überkandidelte Mutter nervt. Schlimmer ist, dass die beiden Hauptdarsteller daran scheitern, ihre Figuren auch als alte Männer zu verkörpern, als sie am Ende der mitunter doch etwas zähen 123 Minuten endlich aufeinandertreffen. Florian David Fitz sabbert und tattert etwas übermotiviert unter seiner Mütze – ja, sie kommt natürlich noch! - herum, um dann doch wieder in sein Spiel des jüngeren Mannes zurückzufallen, und Albrecht Abraham Schucht ist so farblos wie zuvor auch.

Dass es der Film mit der Historie nicht so genau nimmt, gehört zu den Freiheiten des Romanautors Daniel Kehlmann. Der hat sogar einen kleinen Gastauftritt, nachdem man sicher sein kann, dass Schauspielern nicht zu seinen Talenten gehört. Da macht es schon mehr Spaß, nach anderen Prominenten wie Leander Haußmann, Sven Regener oder Detlev Buck zu suchen, die in Minirollen zu sehen sind.

Bildquelle: dpa bildfunk
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