'Die Verführten': Colin Farrell ist mehr Teddybär als Wolf im Schafspelz

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HANDOUT - Die Schauspieler Nicole Kidman als Miss Martha and Colin Farrell als John - eine Szene des Films "Die Verführten" (undatierte Aufnahme). Der Film startet am 29.06.2017 in den deutschen Kinos. (zu dpa-Kinostarts vom 22.06.2017) ACHTUNG: Nur
Kinostart - "Die Verführten" © dpa, Ben Rothstein, kde

3,5 von 5 Punkten

Nicole Kidman, Kirsten Dunst und Elle Fanning schmachten als Südstaatenschönheiten in einem Mädchenpensionat einen verletzten Yankee an. Nur dass der leider in Sofia Coppolas Remake nicht von Clint Eastwood, sondern von Colin Farrell gespielt wird. 

Remake eines Films aus dem Jahre 1971

Sofia Coppola wird erwachsen. Nachdem sie sich als Regisseurin meist modernen Stoffen widmete oder ihr Rokokodrama ‚Marie Antoinette‘ mit Rockmusik unterlegte, wagt sie es nun, einen historischen Stoff ganz ‚klassisch‘ anzugehen – und dazu noch einen, den 1971 Don Siegel bereits zum Thriller ‚Die Betrogenen‘ verarbeitete.

Doch schnell wird klar, dass Sofia Coppolas Drehbuch nach dem gleichen Roman einen anderen Ansatz verfolgt. Wie im Vorbild beginnt die Story wie das Märchen vom Rotkäppchen: Ein Südstaaten-Mädchen geht im Wald mit einem Körbchen Pilze sammeln, als es einen verletzten Soldaten entdeckt. Obwohl er die blaue Jacke der Konföderierten trägt, also per definitionem zum feindlichen Lager gehört, nimmt die Kleine ihn aus Nächstenliebe mit in ihr Mädcheninternat. Doch während sich Clint Eastwood einst als Wolf im Schafspelz in Don Siegels Macho-Version schon auf dem Weg über die Zwölfjährige hermachte, gibt sein Nachfolger Colin Farrell eher den zahnlosen Tiger und ist ganz Gentleman.

Kinotrailer 'Die Verführten' - Kinostart 29. Juni 2017
Kinotrailer 'Die Verführten' - Kinostart 29. Juni 2017 00:02:19
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Wunderschöne Bilder, aber einige Längen

Im leicht heruntergekommenen Herrenhaus – Tara aus ‚Vom Winde verweht‘ lässt grüßen - wird der Yankee liebevoll aufgepäppelt von den wenigen verbliebenen Ladys: Von der reifen Leiterin Miss Martha (schön ambivalent: Nicole Kidman), von der Gouvernante Edwina (manchmal etwas eindimensional: Kirsten Dunst), einem späten Mädchen, dem der Frust nur so aus den hängenden Mundwinkeln spricht, vom frühreifen Luder Alicia (aufreizend: Elle Fanning) und den jüngeren Schülerinnen, die etwas zu profillos geraten.

Sie alle hyperventilieren beim bloßen Anblick von Corporal John McBurney, der leider bei Colin Farrell den Charme eines Teddybärs versprüht. Kein Vergleich zum testosteron-geschwängerten Sexappeal von Clint Eastwood. Man vergisst so schnell: Zu ‚Dirty Harry‘-Zeiten fanden die Frauen ihn so schick wie heute ihre Enkelinnen seinen Sohn Scott Eastwood.

Man kann Colin Farrells schwachen Mann bei Sofia Coppola als feministische Variante sehen, die einem das Chauvi-Gehabe aus dem Original erspart. Auch bei der Sexualität setzt Coppola andere Akzente. Während Clint Eastwood sich bei Don Siegel lüstern durch das Pensionat knutschte, entlädt sich bei Sofia Coppola die schwül aufgeladene erotische Stimmung in einer finalen Szene. Dass die Sklavin aus ‚Betrogen‘ fehlt, die gleichberechtigt mit ihren weißen Herrinnen am schönen Corporal herumbaggerte und eine wichtige gesellschaftskritische Komponente mitbrachte, kann man glatt als ‚Whitewashing‘ sehen.

Nichtsdestotroz ist ‚Die Verführten‘ schön anzusehen. Jedes Bild ist inszeniert wie ein Gemälde, zum Leben erweckt durch die Schauspieler, die vor allem im Zusammenspiel gut funktionieren. Nur die Geschichte wird leider nicht immer stringent aufgebaut, sodass sich die knappen 94 Minuten länger anfühlen als nötig. In Cannes gab’s dafür trotzdem den Preis für die beste Regie.